Morgengrauen

Das Gleichnis vom inneren Röcheln

Gastkommentar / von Peter Strasser / 30.09.2016

Das Röcheln seiner Kaffeemaschine könne er bekämpfen, mit einem der handelsüblichen Entkalker. Aber wie, bitte schön, könne er sein inneres Röcheln bekämpfen, das ihn jeden Morgen plage? Ich kenne ihn nur flüchtig, von meinen Morgengängen zum Bäcker. Er hat wahrlich keinen Grund, sich mir derart anzuvertrauen.

Ich sage „Hm, hm“ und „Na ja“, und will schon, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll, auch noch etwas ganz Dummes sagen, nämlich: „So schlimm wird’s schon nicht sein.“ Er aber kommt mir zuvor, indem er mit pedantischer Stimme klarstellt: „Es ist schlimm, schlimmer, als ich anfänglich gedacht habe.“ Also räume ich ein, dass es vermutlich schlimmer sei, als man anfänglich denke, um einbekennend hinzuzufügen, ich wisse eigentlich nicht recht, was ein „inneres Röcheln“ sei. Da bin ich freilich auf eine existenzielle Tretmine gestiegen. Ich würde doch wohl das Röcheln einer Kaffeemaschine kennen, oder?! Sofort stimme ich dem mir nur flüchtig Bekannten zu. Und während er im Morgennebel verschwindet, kommt mir vor, dass ich ihn innerlich röcheln höre: ein Kaffeemaschinenwahlverwandter, der gleichsam wieder einmal entkalkt werden müsste.

Und plötzlich kommt mir außerdem vor, ich wüsste endlich – endlich! –, was Goethe meinte, als er über die Wahlverwandtschaft der Dinge schrieb, wobei der Dichterfürst gewiss nicht an Kaffeemaschinen dachte, die zur Entkalkung anstehen. Nein, er dachte exemplarisch an das Auge, dessen Sonnenhaftigkeit es erst ermögliche, die Sonne zu erblicken. Reinste Poesie, kein Röcheln, kurz: unverständlich.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.