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Wozu fasten?

Das große Fasten ist vorbei. Her mit der Schokolade!

von Lukas Sustala / 28.03.2016

Folgen auf 40 magere Tage jetzt sieben fette Jahre? Damit Fasten gesundheitlich erfolgreich ist, braucht es Disziplin. Wer das entspannte Verhältnis zum überdimensionierten Schoko-Ei sucht, hat schon verloren.

Ich gestehe. Ich habe ein etwas gestörtes Verhältnis zum Thema Essen. Wenn das Stresslevel hoch und der innere Schweinehund von der Leine sind, dann bin ich eine diätologisch „unguided missile“. Und so kann während des Newsletterschreibens schneller eine Tafel Schokolade ihrem Zweck zugeführt werden als mein neuronales Diätplan-Zentralkomitee Alarm schlagen kann.

Die Phasen der Disziplin gibt es dann aber auch, und sie laufen ähnlich extrem ab. Low Carb, No Carb, 8-Stunden-Diät. Alles ausprobiert.

Vor knapp sechs Wochen war es wieder so weit. Nach einer äußerst intensiven Arbeitsperiode ohne den angemessenen sportlichen Ausgleich beschloss ich, eine 40-tägige Bußzeit einzuhalten: also fasten. Das heißt vor allem eines: Verzicht. Auf Alkohol und Schokolade in meinem Fall.

Bevor jedoch noch nennenswerte Erfolge sichtbar bzw. spürbar sind, kommen die Nebeneffekte. Am Feierabend wird man von Freunden für die Abstinenz beäugt, als würde man an einem schweren, unheilbaren Leiden laborieren. Während man selbst lieber über die gerade grottigen Auftritte seines Fußballvereins reden will, werden die (religiösen?) Motive des Fastens in Zweifel gezogen. Kein Alkohol? „Spaßbremse, von Abstinenz kommt ja die Leber aus der Übung!“ Wer fastet, weiß: Der innere Schweinehund wird von nicht-fastenden Mitmenschen leidenschaftlich gerne provoziert.

Loslassen und festhalten

Geht man dem Fasten auf den Ursprung, dann könnte man auf die Idee kommen, dass es dabei nur um eines geht: Disziplin. Schließlich soll der Urpsrung des Wortes vom „festhalten“ kommen.

Das klingt aufs erste mal sehr paradox. Die wenigsten wollen schließlich beim Fasten an etwas festhalten. Aber man kann erahnen, wie es gemeint ist. Man hält sich eisern an religiöse oder diätiologische Vorgaben. Das Verb „fasten“ kommt vom mittelhochdeutschen „vasten“, was ursprünglich „an den [Fasten-]Geboten festhalten“ bedeutete. Die umfassten meist den Verzicht auf Fleisch, Milchprodukte, Alkohol und Eier.

Fasten ist damit nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Test für die eigene Disziplinfähigkeit. Unnötig für diejenigen, die sich auch die übrigen 325 Tage im Jahr beherrschen können. Man denke etwa an die Arbeitskollegen, die einen beim Verzehr des kleinsten Spurenelements Schokolade mit einem wehleidigen Blick ansehen, weil sie selbst das letzte Mal gevöllert haben, als man SPÖ und ÖVP noch Großparteien nennen konnte, ohne rot zu werden.

Doch es gibt auch in der heutigen Welt des Selbstoptimierungsfetisch abseits der Instagram-Sixpack-Fraktion noch Menschen, für die Disziplin eine schwierige Übung ist. Dass ich damit nicht allein bin, beweist schon die Tatsache, dass „Fasten“ in Österreich ja auch als Marke eines Molkereikonzerns bekannt ist, der sich im Eigentum der Giebelkreuzgruppe von Raiffeisen befindet. Die Nachfrage nach dem Verzehr ohne Reue ist offenbar da.

Die Bewährungsprobe

Der Philosoph Sebastian Muders nennt das Fasten nicht umsonst eine Bewährung. Der fastende Mensch zeigt, souverän zu sein, die Kontrolle über seine Lust und sein Leben zu haben. Und daher bleibt es für die Heilfaster auch selten beim schlichten Verzicht. Da wird während der Fastenzeit auch noch eine zusätzliche Sporteinheit pro Woche hinzugefügt, eine Obstportion mehr am Nachmittag eingeschoben oder gleich noch eine Entschlackungskur mitgemacht.

Verloren ist die Fastenzeit, wenn es nur darum geht, einen Trend mitzumachen. Wer sich 40 Tage quält, um anderen zu gefallen, wird am Tag 41 in nicht nachhaltige Muster zurückfallen. In meinem Fall bedeutet das Schokoladekonsum ohne Unterlass. Was angesichts der vielen, oft überdimensionierten Schoko-Eier, die man nach den Treffen mit Verwandten und Freunden sein Eigen nennt, keine unbegründete Gefahr ist.

Am Ende ist es mit dem Fasten eigentlich genauso wie mit Karriereplänen oder der eigenen finanziellen Vorsorge. Es gibt keinen Königsweg. Das Wichtigste ist es, eine Methode zu finden, die zu einem passt. Dazu braucht es ein Ziel und ein paar schaffbare Grundpfeiler, die man niemals außer Acht lassen darf. Ich habe mich für den Grundpfeiler Sport entschieden und meine lange eingemottete Langhantel wieder aus dem Keller geholt. An der kann man sich jedenfalls festhalten.