Morgengrauen

Das gute alte Ich

Gastkommentar / von Peter Strasser / 02.06.2016

Unruhige Nacht. Einmal ist es zu heiß unter der Bettdecke, man schlägt sie zurück. Dann wieder ist es zu kalt. Man steht auf, kramt im Halbschlaf fröstelnd in irgendwelchen Laden herum, um noch eine Wolldecke zu finden, die man sich über die Bettdecke breiten könnte. Dabei stößt man im Dunkel an alle möglichen Ecken, die von irgendwelchen Möbeln abstehen. Man spürt die blauen Flecken, die man bekommen wird.

Was liegt, das pickt, auch wenn alles fließt, die Zeit, das Ich. Seltsame Gedanken über die Zeit und das Ich gehen einem durch den Kopf, der einem unpersönlich auf dem Hals sitzt. Man liegt wieder wach, man schwitzt, man fröstelt. Wer bin ich? Ha, das naseweise Fragen des Philosophen. Man hat Erkenntnisse: Das Ich ist ein Fluss. Man steigt in den Fluss, das Ich watet in sich selbst im Kreis, sozusagen. Man liegt wach, obwohl man schläft. Man dämmert, man treibt dahin in Heraklits Fluss, in den man nicht zweimal steigen kann. Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Die Zeit nimmt alles mit sich, auch die Zeit. Auch das Ich. Im Vormorgendämmer steht die Zeit still; ich habe kein Ich mehr. Das lässt sich grammatikalisch gar nicht in die rechte Form bringen, geschweige denn existenziell …

Ich fahre hoch, die elektronische Uhr neben mir zeigt 4 Uhr 45, nachtschlafende Zeit, aber ich bin jetzt hellwach und heilfroh, wieder mein Ich zu haben, das ich erst gestern, altersmüde, vor dem Einschlafen loswerden wollte. Guten Morgen, gutes altes Ich!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).