Anna Sommer

Unterschätzte Senioren

Das Hirn altert nicht

von Katharina Bracher / 21.10.2015

Jonglieren, Jagen, Tastatur-Schreiben: Vieles beherrschen Senioren heute genauso gut oder sogar besser als die Jungen.

Überalterung allenthalben. Wenn in der Öffentlichkeit über den stets größer werdenden Anteil von älteren Menschen in der Bevölkerung gesprochen wird, dann geht es um hohe Gesundheitskosten, Senilität, Altersdemenz, kurz: um Menschen im Vorstadium zum Sterben. Auch die Forschung hat lange ausschließlich auf das Leiden der Alten fokussiert, in der Hoffnung, geriatrische Krankheiten zu behandeln oder zu heilen. Darüber hinaus waren sich die Neurowissenschafter einig: Kaum aus der Pubertät, fängt das Gehirn mit dem Abbau an. Oder wie es der Tages-Anzeiger formulierte: „Mit 50 beginnt das Sterben“.

Reife Männer jagen besser

Zumindest aus wissenschaftlicher Perspektive weiß man heute, dass das Paradigma vom vergreisten Oberstübchen so pessimistisch wie falsch ist. Zweifel am geistigen Abbau der Senioren waren spätestens mit der Studie des deutschen Forschers Arne May aus dem Jahr 2008 angebracht. Der Neurologe ließ etwa vierzig Männer und Frauen im Alter von 50 bis 67 Jahren drei Monate lang das Jonglieren üben. Alle, auch die ältesten in der Gruppe, konnten danach problemlos jonglieren. Doch das war noch nicht die wichtigste Erkenntnis. May verglich die Hirne der Teilnehmer im Kernspintomografen mit einer Gruppe Gleichaltriger, die ungeübt waren. Das Ergebnis war für die Forscher, die von einem altersbedingten Abbau der grauen Hirnsubstanz ausgingen, verblüffend: Bei allen Teilnehmern, die jonglieren gelernt hatten, waren der Hippocampus und der Nucleus accumbens angewachsen. Ersterer ist eine Hirnregion, die für das Lernen zuständig ist, Letzterer bildet einen Teil des Belohnungszentrums. May konnte damit belegen, dass nicht, wie angenommen, lediglich das junge Hirn die Fähigkeit zur strukturellen Plastizität – also zum Aufbau seiner Substanz – hat, sondern auch Hirne von Rentnern problemlos dazu in der Lage sind. Heute weiß man, dass im menschlichen Gehirn ein Leben lang Nervenzellen neu gebildet werden. Und zwar vor allem im Hippocampus, also dort, wo das Gedächtnis sitzt.

Eine andere Studie zeigt, dass ältere Männer die besseren Jäger sind – den körperlichen Defiziten zum Trotz. Anthropologen hatten in Paraguay einen Jäger-Stamm untersucht. Die Männer dieses Volkes gehen immer noch mit Pfeil und Bogen auf die Jagd. Zwei Dinge waren auffällig: Physisch lag das Hoch im Schnitt bei 25 Jahren. Die jungen Jäger waren schneller und kräftiger. Doch ihre Ausbeute war nicht besser – im Gegenteil. Die besten Jäger waren 45 Jahre alt oder älter. Erst 20 Jahre Erfahrung brachten die Weisheit mit sich, die es für eine erfolgreiche Jagd braucht.

Es folgten weitere Studien, etwa jene, die zeigte, dass ältere Sekretärinnen die gleiche oder eine bessere Leistung beim Maschinenschreiben nach Vorlage zeigen. Die älteren Semester hatten zwar Fingerfertigkeiten eingebüßt, konnten diesen Nachteil jedoch wettmachen, indem sie eine schnellere Lesetechnik nutzten. Sie lasen jeweils einen Satz voraus, während sie die vorangehenden Worte noch tippten. Dieser Trick, den die Sekretärinnen aus Erfahrung gelernt hatten, vermochte den geringen zeitlichen Rückstand zu den jüngeren Datatypistinnen nicht nur auszugleichen – es entstanden sogar geringfügige Vorsprünge.

Unterschätzte Senioren

Die genannten Beispiele zeigen: Die Lernfähigkeit im Alter nimmt nicht ab. Neurologische Gesundheit, Motivation und genügend Zeit vorausgesetzt, sind ältere Menschen noch genauso gut in der Lage, Neues zu erlernen. Die Forschung konnte diesbezüglich kaum Unterschiede zwischen 70-Jährigen und jüngeren Personen finden. Ältere Menschen übertrumpfen Jüngere teilweise, und zwar weil die Senioren neues Wissen besser in ihren Erfahrungsschatz einordnen können. Auch die sprachliche Fähigkeit nimmt mit dem Alter zu – die Ausdrucksfähigkeit von Älteren ist oft besser. Der Lernforscher Stamov Rossnagel hat die Unterschiede zwischen den Generationen auf eine einfache wissenschaftliche Formel gebracht: „Je breiter, umfassender und komplizierter die Herausforderungen sind, desto kleiner sind die Differenzen zwischen Älteren und Jüngeren.“ Aus Sicht der Wissenschaft ist damit klar: Die meisten Unternehmen unterschätzen die älteren Mitarbeiter bezüglich ihrer Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit.

Allerdings hat die Forschung auch deutlich gezeigt, dass die Unterschiede zwischen den Menschen im Alter zunehmen – und zwar nicht nur bei der Lernfähigkeit. Diese Unterschiede sind jedoch nicht ausschließlich mit der bloßen Anzahl Jahre, die ein Individuum auf dem Buckel hat, zu erklären, sondern mit dessen Persönlichkeitsmerkmalen und seiner Biografie. Grundsätzlich muss Wissen und Können, dass der Mensch sich einmal angeeignet hat, immer wieder angewendet und trainiert werden.