Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Das Ich als Kinderschreck

Gastkommentar / von Peter Strasser / 03.12.2015

Ich ließ das Paket über Nacht liegen. Ich wusste, was drinnen war: ein Buch, mir zur Besprechung und Erbauung von einem befreundeten Redakteur zugesandt. Vorfreude auf die Lektüre. Ich öffne das Paket beim Frühstück, um den Tag erbaulich zu beginnen.

Doch als ich das Buch aus dem Karton ziehe, lese ich, dass es sich um eine Philosophie des Geistes „für das 21. Jahrhundert“ handelt. Da ich mit dem 21. Jahrhundert möglichst wenig zu schaffen haben möchte, wende ich mich ernüchtert dem Titel zu. Und was lese ich da? Ich ist nicht Gehirn.

Im ersten Moment denke ich, vor mir liegt das Schreib-Erzeugnis eines Non-native-Speakers, der, um Worte ringend, mit dem Deutschen ringt. Aber nein! Das Buch stammt von Markus Gabriel, einem jener hippen Zeitgeistphilosophen, die ihre Jahrhunderttauglichkeit beweisen, indem sie sich des Quentin-Tarantino-Effekts bedienen.

Man erinnert sich schmunzelnd an die Falschschreibung des Films über die ruhmlosen Kerle: Inglourious Basterds. Spaßeshalber wende ich mich meiner fünfjährigen Enkelin E. zu, die gerade im Marmeladeglas herumstochert, um ihr Brötchen zu bekleckern (und das Tischtuch rundherum).

Ich spiele den Doktor Kinderschreck, der eine Kinderschreckdiagnose stellt: „Ich ist nicht Gehirn, huhhh…“ Worauf E. zu kleckern aufhört und zu weinen beginnt. Meine Frau wirft mir einen Blick zu, der mich erröten lässt. „Ich ist nicht Gehirn“, das taugt höchstens als Kinderschreck – aber, bitte schön, daran bin nicht ich schuld!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.