Morgengrauen

Das Interne Prinzip Hoffnung

Gastkommentar / von Peter Strasser / 04.06.2016

Mein erster Gedanke beim Aufwachen galt nicht mir, sondern meinem Internisten, bei dem ich bald – zu bald! – einen Termin habe. Ich bin angemeldet zur jährlichen Kontrolluntersuchung. Bisher war das immer ein Grund dafür, dass mein gewöhnliches Morgengrauen zu einem ungewöhnlich fiebrigen Rückblick auf mein bisheriges Leben wurde. Und da lag es also, noch bevor der Tag graute, vor mir: ein Haufen, der sich zu keinem schönen Ganzen formen wollte.

Überall lagen irgendwelche unerledigten Sachen herum, an allen Ecken und Enden verpasste Möglichkeiten und dann wieder Möglichkeiten, die ergriffen wurden und in existenziellen Sackgassen endeten. Letztes Jahr erzählte ich meinem Internisten, während er gerade meine Innereinen aushorchte, von meinem Lebensrückblick angesichts der alljährlichen internen Kontrolluntersuchung. Und dass es, soweit es mich betreffe, jedes Jahr schlimmer werde. Mein Lebenshaufen werde größer, die Unordnung nicht geringer. Darauf sah er mich an und sagte Folgendes: „Nichts Auffälliges, kommen Sie in einem Jahr wieder, dann sehen wir weiter …“

Das war’s, das hatte ich nicht bedacht. Ich spürte, wie sich mein bisheriges Leben zu einem schönen Ganzen ordnete. In einem Jahr werden wir weitersehen, super! Ich nenne diese Lebenskunstmaxime meines Internisten ab sofort das „Interne Prinzip Hoffnung“ und springe, kaum bin ich zu geordnetem Bewusstsein erwacht, mit beiden Beinen aus dem Bett, gestärkt für die nächstjährig-jährliche Kontrolluntersuchung meines Lebens.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).