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Das Internet: Vom Global Village zum Feudalstaat

Gastkommentar / von Evgeny Morozov / 30.08.2016

Evgeny MorozovEvgeny Morozov beschäftigt sich seit Jahren mit neuen Technologien und Medien, die er im Kontext von Ökonomie und Politik kritisch reflektiert. Morozov ist Fellow der New America Foundation und forscht derzeit an der Stanford University. ist bekannt für seine kritische Auseinandersetzung mit neuen Technologien. Er zeigt auf, wie Silicon Valley uns den Schein der Freiheit offeriert – und damit glänzende Geschäfte macht.

Erinnern wir uns noch an die Videoaktivisten der späten 1960er Jahre? Mit tragbaren Kameras bewehrt und befeuert von den Möglichkeiten, die das Kabelfernsehen zu bieten schien, wollten sie Unrecht dokumentieren und die etablierten Mächte herausfordern. Der Moment, da gewöhnliche Bürger über die technischen Mittel verfügten, um eigene Programme zu produzieren und auszustrahlen, war endlich gekommen.

Als ich über jene Zeit recherchierte, fiel mir der Essay „My Life in Video“ in die Hände, den Barry Schwartz – ein nicht allzu prominenter Vertreter jener Bewegung – 1973 veröffentlicht hatte. Seine Kritik am utopischen Zukunftsglauben seiner Weggefährten war schneidend, aber treffend. „So, wie sie eingesetzt werden, sind die heutigen Kommunikationsmedien jämmerlich unfähig, ihre eigene Krise zu kommunizieren“, schrieb er. „Wenn ich mir die Videowelt anschaue, dann sehe ich, dass wir sehr viel Aufmerksamkeit auf das verwenden, was ‹wir› tun, und kaum von dem Notiz nehmen, was ‹sie› tun.“

Utopische Träume

Beim Blick auf die heutige Technologieszene kommt man kaum darum herum, ähnliche Schlüsse zu ziehen – obwohl mittlerweile klar ist, dass die utopischen Träume, die das Internet als ein demokratisches, die Ermächtigung der Bürger förderndes kosmopolitisches Netzwerk erscheinen liessen, ihre Überzeugungskraft verloren haben. Das Global Village wurde niemals Wirklichkeit; stattdessen entstand ein Feudalstaat, den Technologiefirmen und Geheimdienste säuberlich unter sich aufgeteilt haben.

Aber war die Verheissung gesellschaftlicher Emanzipation, die der Cyberkultur anfänglich innewohnte, überhaupt real? Hätte alles anders kommen, hätte die Bürgergesellschaft tatsächlich den Sieg davontragen können? Gibt es eine Hoffnung für uns, die Technologie noch zurückzuerobern?

Diese Fragen lassen sich unmöglich beantworten, ohne der Tatsache ins Auge zu blicken, dass unsere Technologien – und die Ideologien, die sich mit ihnen verbinden – weitgehend amerikanischen Ursprungs sind. In Europa kümmert man sich, von wenigen Ausnahmen wie Skype und Spotify abgesehen, nicht um eine eigenständige Entwicklung und lässt Silicon Valley den Takt angeben. Noch deprimierender allerdings ist, dass die europäische Computergegenkultur, die viel politischer und sozialer war als die amerikanische, spurlos verschwunden ist.

Die USA hatten einst auch eine robuste antiinstitutionelle Bewegung. In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren kam die Staatsbürokratie unter massiven Beschuss, der Vietnamkrieg schien ein klarer Beweis, dass das Land von kalten, herzlosen Technokraten regiert wurde. Doch Amerika fand seine eigene, geniale Antwort auf das Problem. Der Kapitalismus und die mit ihm verbundenen, repressiven Institutionen mussten auf zwei Wegen bekämpft werden: nämlich innerlich durch geistiges Wachstum und Persönlichkeitsentwicklung und äusserlich durch noch mehr Kapitalismus, aber von einer netteren, handlicheren, dezentralisierteren Art. Diese kalifornische vom Geist des New Age gefärbte Denkweise – wir müssen unsere inneren Götter freisetzen und bewusster einkaufen! – kam bei der amerikanischen Gegenkultur gut an.

Esalen verfügte über eine beträchtliche Anzahl eloquenter Mystiker, die praktisch jedes Problem erklärend in Luft auflösen konnten

Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung dieses konsensfähigen Kapitalismus spielten das Esalen Institute in Kalifornien und der Whole Earth Catalog. Das Erstere wurde zum Zentrum für spirituelle Entwicklung; mit den Methoden der Gestalttherapie bauten die Studierenden menschliche Potenziale auf, die ihnen nicht nur beim Bewältigen der psychischen Probleme dienlich waren, mit denen der Kapitalismus sie konfrontierte, sondern die darüber hinaus dem Leben in einer immer brüchigeren Welt neue, existenzielle Bedeutung verleihen sollten. Esalen verfügte über eine beträchtliche Anzahl eloquenter Mystiker, die praktisch jedes Problem erklärend in Luft auflösen konnten: Die kultischen Züge der heutigen Technologieszene schreiben sich direkt von diesem Institut her.

Der Hohepriester spricht: Wenn Steve Jobs neue Apple-Produkte präsentiert, dann spitzt man weltweit die Ohren. (Bild: ap)

Der Whole Earth Catalog präsentierte sich als Sprachrohr des antiinstitutionellen Kampfes; Kerngedanke der 1968 von Stewart Brand lancierten Publikation war, dass Kapitalismus und Umweltprobleme sich durch einen intelligenteren, humaneren Kapitalismus überwinden liessen. Dieser wiederum würde sich herausbilden, sobald man den Kunden bessere Informationen an die Hand gab. Dementsprechend wollte der Katalog seine Leser auf Produkte aufmerksam machen, die den aus dieser Grundidee entwickelten Qualitätskriterien entsprachen.

Emanzipation durch Konsum

Zappen wir dreissig Jahre weiter, dann sehen wir, dass Silicon Valley genau diese Rhetorik – Emanzipation durch Konsum – wiederaufgenommen hat, allerdings in einer wesentlich intransparenteren Form. Stewart Brand hatte sich in den Siebzigern darauf beschränkt, Dinge vorzustellen und zu empfehlen, die ihm gefielen; er produzierte sie nicht selber. Silicon Valley dagegen offeriert uns allerhand Tools zum Unterlaufen etablierter Anbieter, die gleich vor Ort entwickelt wurden: Uber bringt uns billiger ans Ziel als die Taxizentrale, mit Airbnb finden wir Zimmer, ohne die Hotellerie mitzufinanzieren, Amazon erspart uns den Gang in die Buchhandlung, und zahllose Apps helfen uns dabei, unseren Parkplatz unterzuvermieten, Sexpartner zu finden oder einen Platz in der Warteschlange eines angesagten Restaurants zu kaufen.

Das Internet als solches ist nicht ein scharfes, hochaufgelöstes Abbild der Realität; eher gleicht es einem Tintenklecks im Rorschachtest.

Der Erfolg von Silicon Valley ist zur Grossen Erzählung des zeitgenössischen Kapitalismus geworden. Zur Rhetorik der Rebellion gegen mächtige Interessengruppen tritt nun auch die Saga von der sozialen Mobilität, welche die neuen Technologien den weniger Privilegierten verschaffen. Uber behauptet, durch die Bereitstellung günstigerer Transportmittel den Konsumenten zu unterstützen. Airbnb verhilft den Leuten, die ihre Wohnung oder ein Zimmer anbieten, zu zusätzlichen Einkünften und damit zu etwas Luft in finanziell unsicheren Zeiten. Facebook behauptet, den Armen in Brasilien und Indien Zugang zum Internet ermöglichen zu wollen.

Die Linke, die sich mit technologischen Dingen ohnehin immer schwertat, hat keine derart zugkräftige Story zu bieten. Noch schlimmer: Sie wird nie eine haben, sofern sie sich nicht die Mühe nimmt, die Geschichte des Internets – Silicon Valleys ureigenes geistiges Terrain – neu zu schreiben, und zwar als eine Geschichte des neoliberalen Kapitalismus und Imperialismus.

Das Internet als solches ist nicht ein scharfes, hochaufgelöstes Abbild der Realität; eher gleicht es einem Tintenklecks im Rorschachtest. Wer ihn betrachtet, wird – je nach seinen eigenen politischen und ideologischen Überzeugungen – ein sehr unterschiedliches Bild sehen. Sogar für Projekte wie Wikipedia gibt es mehr als eine Lesart. Unter linksstehenden amerikanischen Akademikern tendiert man mehrheitlich dazu, den Erfolg der Website als Beweis dafür zu sehen, dass Menschen von sich aus etwas zum Allgemeinwohl beitragen können – aus reinem Altruismus und ausserhalb des marktwirtschaftlichen Rahmens. Aber die libertäre Rechte betrachtet die Sache anders: Projekte wie Wikipedia seien ein Beweis dafür, dass man gar kein Geld in Institutionen stecken müsse, die öffentliche Güter wie Wissen und Kultur schafften; die sprichwörtliche „Crowd“ mache das besser und erst noch gratis.

Ein neuer Blick

Unsere Unfähigkeit, den aufs Internet fixierten Tunnelblick aufzugeben, macht es uns schwer, Konzepte wie „sharing economy“ zu dechiffrieren. Sehen wir da einen genuinen, kooperativen Postkapitalismus entstehen – oder ist es nur eine potenzierte Variante des guten alten Kapitalismus, der alles zur verkäuflichen Ware macht? Ein Tipp: Schauen Sie sich den Begriff „sharing economy“ mal an. Genau. Economy. Es geht um Wirtschaft.

Die eigentlich interessante Frage ist aber letztlich nicht, ob das Internet nun Individualismus oder vielmehr Gemeinschaftlichkeit und Kooperation fördert (und auch nicht, ob es Diktatoren unterminiert oder ihnen zusätzliche Macht verschafft). Sie lautet vielmehr: Warum stellen wir „dem Internet“ überhaupt derart gewichtige Fragen – als wäre es eine eigene Wesenheit, völlig losgelöst aus dem Kontext der Weltpolitik und des heutigen, stark auf den Finanzmarkt ausgerichteten Kapitalismus? Solange wir nicht ausserhalb des Internets denken können, wird es uns nie gelingen, klarsichtig und genau Bilanz über die digitalen Technologien zu ziehen, mit denen wir umgehen.

Es wäre hilfreich zu wissen, dass Uber – dieser Vorkämpfer für die Mobilität des kleinen Mannes – ein 60-Milliarden-Dollar-Unternehmen ist

Was aber bedeutet „ausserhalb des Internets denken“ in der Praxis? Zuerst einmal heisst es, sich von den Märchen zu verabschieden, die an den Konferenztischen von Silicon Valley ausgesponnen werden. Es heisst, den Blick stattdessen auf ökonomische und geopolitische Aspekte der Tätigkeit vieler Hightech-Firmen zu lenken, die wir derzeit weitgehend ignorieren. Jawohl, es wäre hilfreich zu wissen, dass Uber – dieser Vorkämpfer für die Mobilität des kleinen Mannes – ein 60-Milliarden-Dollar-Unternehmen ist, bei dem Goldman Sachs die Hände im Spiel hat. Und wir sollten der Tatsache Beachtung schenken, dass die Handelsabkommen, die derzeit auf dem Tisch sind – TiSA, TTIP, TTP und wie sie alle heissen –, auch den freien Datenaustausch propagieren und dass Daten eine der tragenden Säulen des neuen Welthandels sein werden.

Und wie steht es mit der „Smart City“? Auch dieses Konzept erfreut sich grosser Beliebtheit, weil es so verheissungsvoll und fortschrittlich anmutet. Betrachtet man es jedoch genauer, dann bedeutet es lediglich, dass unsere städtische Infrastruktur in die Hände von Technologiefirmen gelegt wird – bekanntlich nicht eben die Gralsritter der Transparenz –, die dann nach Belieben schalten und walten könnten; ein Entscheid, der obendrein sehr schwer rückgängig zu machen wäre. Und ist es purer Zufall, dass die offizielle europapolitische Agenda der amerikanischen Handelskammer kurz und schlicht genau diese Begriffe listet: „TTIP, Smart Citys, digitaler Gemeinschaftsmarkt“?

Dieses Denken ausserhalb des Internets lässt die Welt zunächst einmal ziemlich deprimierend ausschauen. Es könnte aber auch deutlich machen, was getan werden muss, in wessen Hände die notwendigen Veränderungen gelegt werden dürfen und in wessen nicht. Eine sachliche, reife Diskussion über den Aufbau einer soliden technologischen Zukunft muss mit der Einsicht beginnen, dass diese Zukunft nicht neoliberal sein kann.

Was wir fragen sollten

Statt also weiterhin darüber zu diskutieren, ob Konsum nun tatsächlich Ermächtigung bedeutet und wie wir den Wechselfällen des Schicksals am ehesten mit einem massgeschneiderten neuen Computerprogramm begegnen können, sollten wir uns einmal fragen, wie sich die derzeitige Sparpolitik auf das für Innovationen verfügbare Budget auswirkt. Wir könnten nachforschen, inwieweit die Tatsache, dass viele Hightech-Firmen keine Steuern zahlen, auch der Schaffung alternativer Angebote durch die öffentliche Hand im Wege steht. Wir müssten der Tatsache ins Auge sehen, dass die finanzielle Notlage, in die viele Leute infolge der Finanzkrise gerieten, die „sharing economy“ – die Möglichkeit, alles zu vermarkten, was man besitzt – nicht nur zur attraktiven Option, sondern schlicht zum Zwang macht.

Kehren wir zur eingangs gestellten Frage zurück: Gibt es eine Hoffnung für uns, die Technologie zurückzuerobern? Ja; aber nur, wenn wir zuerst unsere Souveränität über Wirtschaft und Politik zurückerobern. Solange die meisten an ein „Ende der Geschichte“ glauben und die Möglichkeit einer Alternative zur globalen Vorherrschaft von Kapitalismus und Marktwirtschaft von vornherein in den Wind schlagen – so lange wird es auch keine Hoffnung geben.


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