Morgengrauen

Das ist normal

Gastkommentar / von Peter Strasser / 18.06.2016

Mein Kopf ist frei von allen Gedanken, die mich zum Denken bringen könnten. „Alles zu seiner Zeit“, pflegte meine Großmutter zu sagen, die mir damals, in meinen jungen wilden Jahren, auf die Nerven ging, weil nichts, was ich sagte, „zu seiner Zeit“ gesagt wurde.

„Alles zu seiner Zeit“ war für mich gleichbedeutend mit: „Am besten nie!“ Heute weiß ich, dass meine Großmutter es auch genauso gemeint hatte. Sie, die nie aus ihrer Kellerwohnung weiter hinaus in die Welt kam als bis zum Gemischtwarenhändler um die Ecke oder zum stadtrandständigen Friedhof, war dennoch eine Weltweise.

Für mich war nichts normal, für sie alles. Für mich war nichts normal, weil ich jeden neuen Tag in der Zeitung, die wir abonniert hatten – ein „linkes“ Blatt für die kleinen Leute –, dahingehend belehrt wurde, dass es so nicht weitergehen könne. Wie immer es weiterging, so jedenfalls auf gar keinen Fall. Meine Großmutter las die zu dieser Litanei gehörenden Fakten und Kommentare niemals. Sie sagte: „Immer dasselbe.“

Statt des Immerselben las sie die Geburts- und Heiratsanzeigen, außerdem, als Krönung ihres morgendlichen Lesevergnügens, die Todesanzeigen mit den schönen Begleittexten. Dazu sagte sie: „Das ist normal.“ Beim Frühstück werfe ich einen Blick in die Zeitung und was steht da, als Überschrift über dem Leitartikel? „So kann es nicht weitergehen.“ Und plötzlich geht mir doch noch ein Gedanke durch meinen trüben Morgenkopf: Dass es so nicht weitergehen kann – auch das ist normal. Sehr beruhigend!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).