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Sterbehilfe

Das Leiden der Angehörigen

von Regula Freuler / 17.05.2016

Über 1.200 Menschen nahmen im Jahr 2015 Sterbehilfe in Anspruch. Der selbstbestimmte Tod wird zunehmend akzeptiert – die Belastung für die Familie aber unterschätzt.

Als der krebskranke Glarner SVP-Politiker This Jenny im November 2014 mit Hilfe von Exit aus dem Leben schied, verdoppelten sich innerhalb einer Woche die Anmeldungen bei der Sterbehilfeorganisation. Letztes Jahr begleiteten die beiden Exit-Vereine in der Deutsch- und in der Westschweiz insgesamt 995 Menschen in den Tod. Das sind 30 Prozent mehr als noch im Jahr 2014. Seit 2003 hat sich die Zahl mehr als verfünffacht. Mithilfe der zweitgrößten Sterbehilfeorganisation, Dignitas, schieden im letzten Jahr insgesamt 222 Personen aus dem Leben.

Assistierte Suizide machten bereits 2013 über die Hälfte aller Suizide aus; neuere Zahlen liegen noch nicht vor, doch die Tendenz ist steigend. In der Mehrheit waren es Menschen mit einer schweren, unheilbaren Krankheit wie Krebs oder mit altersbedingten, jedoch nicht direkt tödlichen Gebrechen. Auf konstant tiefem Niveau von rund drei Prozent bewegen sich die Fälle von psychischen Störungen wie Depression.

Um den Tod herbeizuführen, verwendet man heute Natriumpentobarbital. Das Barbiturat wird entweder in einem Glas Wasser aufgelöst oder intravenös zugeführt, wobei der Sterbewillige den Schlauch selbst öffnen muss. Der Wirkstoff führt in kurzer Zeit zum Atem- und Herzstillstand. In der Regel ist nicht nur ein Sterbebegleiter anwesend, sondern auch Familienmitglieder oder Freunde. Man schaut zu, wie ein geliebter Mensch den vorzeitigen Tod wählt.

Während die Sterbewilligen durch die hohe gesellschaftliche Akzeptanz und den medialen Einsatz von Exit und anderen eine starke Lobby haben, schenkt man ihren Angehörigen kaum Beachtung. Auch nicht in der Forschung. In dem mit 15 Millionen Franken dotierten Nationalfondsprojekt „Lebensende“ wird zwar Suizidhilfe untersucht, nicht aber die Auswirkung auf Angehörige. Selbst in den Niederlanden, wo seit 2001 sogar aktive Sterbehilfe durch Ärzte legal ist, liegen nur zwei Studien vor.

Zwei Studien wurden auch in der Schweiz durchgeführt. Sie heben die bei assistiertem Suizid spezifischen Belastungen hervor. Diese sind höher, als allgemein vermutet wird, wie eine im Jahr 2011 von der Universität Zürich publizierte Untersuchung zeigt. „Überrascht hat uns, dass ein relativ hoher Anteil von rund 40 Prozent der Angehörigen noch lange nach dem Suizid psychisch litt“, sagt Birgit Wagner, die den Forschungsschwerpunkt in Zürich leitete und heute Professorin für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Verhaltenspsychologie an der Medical School Berlin ist. Wagner versteht das Recht auf assistierten Suizid als eine wichtige gesellschaftliche Errungenschaft. Dass jedoch die Angst vor Schmerzen weiterhin so verbreitet ist, sei Zeichen eines Informationsdefizits. „Über Palliativmedizin herrscht noch viel Unkenntnis. Es braucht Kampagnen auf Volksgesundheitsebene, um das zu ändern.“ Zudem gibt Birgit Wagner zu bedenken, dass Suizidhilfe als Todesart mittlerweile in der Schweiz so breit akzeptiert ist, dass nicht nur Schwerkranke, sondern auch immer mehr des Lebens müde alte Menschen ihn wählen. „Sie sind Rollenvorbilder – in einem negativen Sinn. Denn die eigentliche Frage ist ja, woher die Angst rührt, jemandem zur Last zu fallen, ebenso wie das Bild des unwürdigen Sterbens.“

Im Buch „Alles ist gutgegangen“ schildert die französische Autorin Emmanuèle Bernheim, wie sie der assistierte Suizid ihres Vaters regelrecht aus der Bahn geworfen hat – obwohl sie seine Entscheidung durchaus akzeptiert hatte. Sie litt unter Schlaflosigkeit, depressionsähnlichen Zuständen und enormem Stress. In einer von Exit herausgegebenen Broschüre liest man dagegen ausschließlich von positiven Erfahrungen der Angehörigen. Hier ist die Rede von Erleichterung, Befreiung und Würde.

Beim Gespräch dabei

„Wir erkundigen uns ganz früh nach der Haltung der Familie gegenüber dem Freitod“, sagt Heidi Vogt. Sie ist seit zehn Jahren „Leiterin Freitodbegleitung“ bei Exit. „Am ehesten leiden jene Angehörigen, die auch schon vorher Zweifel hatten. Eigentliche Traumatisierungen kommen äußerst selten vor“, betont sie, räumt aber ein: „Allerdings melden sich Angehörige, die Schwierigkeiten mit Suizidhilfe haben, nicht unbedingt bei uns. Wir stehen ja gewissermaßen auf der falschen Seite.“

In den meisten Fällen sind Angehörige sowohl beim Gespräch wie auch zum Todeszeitpunkt dabei. Möchte jemand seine Entscheidung für einen assistierten Suizid verheimlichen, dann entweder, weil sie glauben, damit Angehörige zu schonen, oder aus Angst, jemand wolle sie davon abbringen. Heidi Vogt erinnert sich an einen Mann, der in einer harmonischen Ehe lebte und fürchtete, für seine Frau wäre es zu schwer, auf seinen angekündigten Tod zu warten. „Das lehnen wir ab“, sagt Vogt. In solchen Fällen entspreche es nicht ihren ethischen Grundsätzen, den geplanten Suizid zu verheimlichen. Zwei bis vier Wochen nach dem Tod sucht Exit noch einmal Kontakt zu Angehörigen – außer jemand wünsche das nicht. „In mehr als der Hälfte der Fälle wird von unserem Angebot Gebrauch gemacht“, sagt Vogt.

Bei Karl Herzog (Name geändert) fand kein Gespräch mehr statt. Sein Vater war hochbetagt und geistig aktiv, als er die Krebsdiagnose erhielt. „Für ihn stand fest, dass er bei klarem Kopf sterben und nicht von Pflegepersonal abhängig sein wollte.“ Aussicht auf Heilung bestand keine, er litt an starken Schmerzen. Also nahm er mit Exit Kontakt auf, informierte Angehörige und Freunde und bat im Einverständnis mit seinen Kindern zwei ihm sehr nahestehende Personen als Zeugen. „Er fragte sich wohl, ob er die Härte besäße, sich in unserem Beisein das Leben zu nehmen“, sagt Herzog. Als man einige Wochen vor dem bestimmten Termin zusammenkam, um Abschied zu nehmen, lebte sein Vater förmlich auf. „Er hinterfragte seine Entscheidung ernsthaft, blieb nach einer schweren Nacht aber dabei.“

Karl Herzog befürwortet Suizidhilfe, sofern die juristischen Vorgaben eingehalten werden. Dennoch beschäftigt ihn diese Art des Sterbens. „Das Grundgesetz der menschlichen Existenz lautete immer: Niemand kennt die Stunde seines Todes. Was bedeutet es für eine Gesellschaft und vor allem für Angehörige, wenn wir die Stunde bestimmen?“, fragt er. Er sieht im assistierten Suizid nicht nur eine Möglichkeit, die eigenen Dinge zu kontrollieren. „Es hat unweigerlich auch Auswirkungen auf die Angehörigen, die den Sterbenden begleiten.“

Angebote der Palliativärzte lehnte sein Vater ab. „Schmerzlindernde Therapien sind heute so weit entwickelt, dass sich mir die Frage stellt: Muss es denn dieser Abbruch sein? Das Thema sollte differenzierter diskutiert werden“, findet Herzog. „Die Palliativmedizin ermöglicht jenes würdige Sterben, das Organisationen wie Exit so hochhalten“, meint er überzeugt.

Als zwar emotional harte, letztlich aber positive Erfahrung hat Hans Baumann (Name geändert) den assistierten Suizid seiner Mutter in Erinnerung. „Es war ihr gutes Recht. Sie konnte einfach nicht mehr. Dass es eine Organisation wie Exit gibt, ist ein Segen.“ Seine Mutter zog ihn als Einzigen ins Vertrauen. „Selbstverständlich hat mich ihr Ansinnen belastet, aber ich wollte ihr zusätzliche Probleme ersparen. Vielleicht hätte sie sich vor ihren Geschwistern rechtfertigen müssen. Damals, vor 13 Jahren, war Suizidhilfe gesellschaftlich noch nicht so akzeptiert wie heute“, sagt Baumann.

Als Palliativarzt am Spital Wetzikon lernt Andreas Weber regelmäßig Angehörige von Exit-Suizidenten kennen. Manche nehmen die Entscheidung an, andere stürzt diese in eine Krise. Ob Suizid ein Thema für einen Patienten ist, klärt Weber früh ab. Das gehört zum Standard, seit er zu Beginn seiner Tätigkeit erlebte, dass sich ein Patient tötete, ohne ihn vorab zu informieren. Bei den Beratungsgesprächen sind Angehörige dabei. „In manchen Fällen führe ich zusätzlich ein Gespräch unter vier Augen, wenn der Patient nicht offen zu reden wagt. Das kann gerade bei einem Suizidwunsch der Fall sein.“ Nie würde er jedoch zulassen, dass Angehörigen ein solcher Entscheid verschwiegen würde. Doch er stellt fest: „Die Mehrheit der Angehörigen ist erleichtert, wenn der Kranke keinen Suizid wünscht.“

Besonders schwierig sei es, wenn der Patient lange zögere oder die Entscheidung wieder hinterfragt werde. Normalerweise bedeute das für den Angehörigen eine erneute emotionale Belastung. Weber erzählt von einem Fall, bei dem ein Mann seinen Söhnen schon alles Geld vermacht hatte, dank palliativer Unterstützung aber wieder Freude am Leben entdeckte. „Ich bat die Söhne um Unterstützung für ihren Vater, und einer sagte tatsächlich, er habe schon alles ausgegeben und der Vater solle den Suizid jetzt durchziehen.“

Hilfe durch Schmerzmittel

Der Palliativarzt ist kein Gegner des assistierten Suizids. „Für manche Menschen ist es der richtige Weg. Oft ist es auch nur wichtig zu wissen, dass man diese Möglichkeit hat.“ Er versteht es aber als seine erste Aufgabe, Patienten die Möglichkeiten der auf Linderung, nicht auf Lebensverlängerung zielenden Palliativmedizin aufzuzeigen. Knapp die Hälfte jener fünf Prozent seiner Patienten, die ernsthaft einen assistierten Suizid erwägen, fürchten Schmerzen oder Atemnot. „Fast immer können wir ein gutes Angebot machen.“ Im Extremfall helfe eine palliative Sedierung, also die Abgabe von starken Schmerz- und Schlafmitteln, damit der Kranke keine belastenden Symptome mehr wahrnehme. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der Universität Rotterdam zeigte keine spezifischen negativen Folgen für Angehörige palliativ sedierter Patienten.

Der kleinere Teil der Sterbewilligen wolle vermeiden, Angehörigen zur Last zu fallen. „Dabei empfinden es viele Menschen als große Bereicherung, jemandem in der letzten Lebensphase beizustehen“, sagt Weber. Andererseits zeigen Studien aber auch, dass für manche Betreuende die Situation belastender ist als für den Sterbenden selbst. Umso wichtiger ist es für Andreas Weber, in solchen Fällen auch die Angehörigen dazu zu bringen, Unterstützung anzunehmen. Oft würden die Alternativen zu Exit zu wenig wahrgenommen oder fälschlicherweise als teuer eingeschätzt. „Hier ist dringend Aufklärung gefordert.“