Morgengrauen

Das Morgengefühl der Herbstkartoffel

Gastkommentar / von Peter Strasser / 07.08.2016

Am Morgen öffne sie sich wie eine Blüte dem Tag, sagte Aranka von Lilienkron, ein Künstlername, versteht sich. Ich hatte Arankas Lebenskunstvortrag in der Reihe Frühaufblüher gelauscht. Aber nur bis zur Hälfte. Oder genauer gesagt, noch nicht einmal bis zur Hälfte, denn als Aranka sagte, sie komme nun zum Ende, wusste ich aus Erfahrung, dass sie noch nicht einmal bei der Hälfte angelangt war. Ich hatte genug.

Erst jüngst nämlich hatte ich mir in derselben Reihe den Vortrag eines Lebenskünstlers angehört, dessen Namen ich leider vergessen habe, obwohl mir sein Aufwachgebaren unvergesslich blieb: Beim Erwachen öffne er sich dem Leben wie eine Rose von Jericho, die mit Wasser beträufelt werde. Ich musste erst im Floristenhandbuch nachschlagen, was denn eine Rose von Jericho sei, um dahinterzukommen, dass bei uns, in den gut sortierten Blumenläden, ein verschrumpelter Kreuzblütler der Gattung Anastatica angeboten wird, welcher, in ein wenig Wasser getaucht, sein grünes Inneres offenbart.

Schön, denke ich mir, das also ist die Lebenskunst des Erwachens, aber nicht meine. Müsste ich meine vegetative Morgenbefindlichkeit schildern, würde ich mich in der Botanik der Knollengewächse umschauen. Auch eine Herbstkartoffel kann schön sein! Man muss nur den rechten Blick dafür haben, oder? Das frage ich jetzt stante pede meine Frau, die mich neckt (hoffe ich jedenfalls), indem sie mir ihre Vorliebe für Frühlingskartoffeln „gesteht“.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).