Morgengrauen

Das Neue Jerusalem, jetzt

Gastkommentar / von Peter Strasser / 17.08.2016

In der Abenddämmerung habe ich lange den spielenden Kindern im Hof zugeschaut. Auf den Blättern rund um die Bank, auf der ich saß, lag der Schein der Sonne, die gerade unterging. War es irgendwie unrecht, hier zu verweilen, ohne einen anderen Gedanken als den, dass das hier, jetzt, richtig und schön sei? Der Zweifel an meiner wunschlosen Versonnenheit im Anblick der selbstvergessen spielenden Kinder im Glanz der bunten Blätter am Abend dieses Frühwintertages begleitete mich in den Schlaf. Aber mein Zweifel, mochte er auch berechtigt sein, hatte doch etwas von einem Vorzeigezweifel an sich.

Heute dann, beim morgendlichen Herumkramen in meiner Wohnung (nebenbei aus dem Radio Barockmusik, Börsenkursberichte und Bad News), erinnere ich mich an den Zweifel von gestern als an etwas Abgetanes. Der stille Nachklang der in der Dämmerung spielenden Kinder scheint mir hingegen zu bedeuten: Jenseits aller Schrecken, aller moralischen Skrupel gibt es ein Reich der Schönheit, worin erst der wahre Friede spürbar wird – der Friede, den es nicht gab, nicht gibt und niemals geben wird. Deshalb warten die gequälten Seelen rund um den Erdball auf das Neue Jerusalem.

Auch ich warte. Das Neue Jerusalem hat hier, im Zuhause, welches das meine ist, seine fernen und nahen, immerinnigen Gesandten: die zeitvergessen spielenden Kinder im Hof, die im letzten Licht des warmen Spätsommers aufleuchtenden Blätter, der helle Anblick meiner ersten und letzten Liebe an der Schwelle zum Tag. Auch das ist schön und richtig, ohne Vorbehalt, jetzt.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).