Morgengrauen

Das Rad der Lüste, leider verschlafen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 28.09.2016

Neulich hat mir mein Sohn das Kamasutra der Frösche von Tomi Ungerer geschenkt, ein antiquarisches Exemplar. Was er mir damit bedeuten wolle, fragte ich ihn, während er lachte und mich an die Zeit erinnerte, da ich ihm Ungerers wunderbare Kinderbücher immer wieder vorlesen musste. 1982 erschienen, ist Ungerers Kamasutra, ein augenzwinkerndes Erotikon für Erwachsene, längst vergriffen.

Falls nicht unsere Buchhandlungen verschwunden sind, sind Ungerers Bücher aus unseren Buchhandlungen verschwunden. Große Kunst, ob für Kinder oder Erwachsene, die nicht mehr gezeigt werden soll, weil sie nicht „kindergerecht“ und „politisch korrekt“ sei. Gegen das Sexleben der Frösche bei Ungerer haben sogar Tierschützer protestiert. Der närrischen Tugendfraktion des Westens zum Trotz schlug ich gestern Abend meiner Frau augenzwinkernd vor, wir sollten doch einige Übungen aus Ungerers Rad der Frösche-Lust probieren. Denn im Kamasutra heißt es: „Ein Mann, der die Tiere nachzuahmen weiß, entfacht Liebe, Freundschaft und Achtung in den Herzen der Frauen.“

Heute Morgen rügt mich meine Frau, weil ich, kaum im Bett, gleich wegschlief, räumt aber ein, dass ich auf diese Weise wenigstens körperlich heil geblieben sei. Denn im Kamasutra heißt es: „Wenn sich das Rad der Lüste dreht, gibt es kein Lehrbuch und auch keine Regel mehr.“ Aber bitte, es sei noch nicht aller Tage Abend … Und eigentlich, füge ich erleichtert hinzu, sei es noch nicht einmal wieder Abend.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Letzteres gibt es nun auch in Buchform:„Morgengrauen. Journal zum philosophischen Hausgebrauch“.