Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Das Schmuckgehänge der Innenministerin

Gastkommentar / von Peter Strasser / 19.02.2016

In der Zeitung steht’s, in allen Zeitungen steht’s: Die Willkommenskulturpolitik ist am Ende, es lebe der Stacheldrahtzaun! Wir haben schon genug gemacht, übergenug, nicht wahr? Der Machthaber Syriens ermordet sein eigenes Volk, lässt alles niederwalzen, was unschön absteht vom Boden. Die Russen mit ihren Kampfjets erledigen den Rest.

Man will „uns Europäern“ die Massen derer, die sich nicht dem Boden gleichmachen lassen möchten, in unser christliches Abendland hereinspülen, bis wir alle zum Islam bekehrt sein werden, oder?

Ich sehe in der Zeitung das Bild unserer Innenministerien, wie sie über eine stracheldrahtverhauene Grenzbarriere hinwegblickt. Sie hat sich herausgeputzt mit einem Schmuckgehänge aus Metall, dessen Pitbullästhetik mir größeres Unbehagen bereitet als die dickgepanzerten Schutzwesten der neben ihr stehenden Polizisten und Militärs, die nichts weiter zu tun haben, als muskelbepackt neben ihr zu stehen.

Was soll ich machen, mich ekelt vor den Pragmatikern, die kalt wie die Fische der Tiefsee in die todmüden Augen derer schauen, die einen halben Kontinent durchquert haben, um den blutrünstigen Teufeln daheim zu entkommen. Gleichzeitig bin ich hyperneurasthenisch gegen ein politisch korrektes Schmuckverhalten, das erst gar kein Willkommenskulturlüfterl hätte aufkommen lassen.

Heute Morgen brauche ich Beruhigungstabletten, und zwar in Hochdosierung, um meine Mitmenschlichkeitsneurasthenie chemisch niederzuknüppeln. Abendland, magst ruhig sein…

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.