imago

Das sogenannte Gute und seine Wandlungen

Gastkommentar / von Klaus Woltron / 21.03.2017

Gut und Böse ist nicht, wie wir ganz selbstverständlich annehmen und wie es im Alten Testament beschrieben wurde, in Stein gemeißelt. Schon ein kurzer Blick in die Geschichte oder über die Grenzen von Kulturkreisen hinaus zeigt uns, dass Moral, Ethik und Gesetz wandelbar sind wie die Menschen selbst. Mehr noch: Der Mensch hat sich dieser Begriffe immer schon bedient, um Herrschaft, Unterdrückung und Macht auszuüben. Warum das so ist, und wie man sich des Begriffs „Gut“ zu eigenem Nutz und Frommen bemächtigt – das ist es wohl wert, hinterfragt zu werden.

Behielte Yuval Noah Harari recht mit seiner Theorie, man werde es schaffen, Menschen einige Jahrhunderte am Leben zu erhalten: Woran hätte sich einer, der bereits seit dem Beginn der Neuzeit existiert, gewöhnen müssen? Welchen Moralvorstellungen und gesellschaftlichen Regeln wäre er unterworfen gewesen? Wofür hätte man ihn gelobt, getadelt, eingesperrt, verbrannt oder in den Himmel gehoben? Menschen, die ewig leben, werden ein Riesenproblem bekommen: Sie müssen sich im Laufe ihrer Existenz völlig widersprüchlichen Moralvorstellungen anbequemen.

Ethik als Optimierungsprozess

Bevor wir darauf eingehen, noch eine sehr verkürzte Definition für Moral in sozialen Systemen: Sie mittelt sich heraus, indem sich zahllose Egoismen aneinander abschleifen und einen kleinsten gemeinsamen Nenner finden, es miteinander insgesamt erfolgreich und erträglich auszuhalten. Ein schönes Gleichnis dafür ist das gegenseitige Abschleifen von Kieseln in einem Flussbett: Die einzelnen Steine bilden, abhängig von ihrer Härte und ursprünglichen Gestalt, eine jeweils optimale Form heraus, um gemeinsam mit den anderen mit minimalem weiterem Abrieb auszukommen.

Dieses ausgewogene Gleichgewicht wird allerdings dann empfindlich gestört, wenn der Mensch den uralten Prozess durch Produkte seines Intellekts proaktiv zu beeinflussen beginnt. Er tut es ja in allen anderen Fällen auch und unterscheidet sich so, als Schmied seines eigenen Schicksals, fundamental vom weitestgehend instinktgesteuerten Tier. Dieses handelt fast immer reaktiv und gehorcht damit stammesgeschichtlich dem Gesetz des Survival of the fittest und der Evolutionären Ethik, über die der Mensch schon lange hinausgewachsen ist – zumindest bis dato. Eine eher skeptische Auslassung dazu findet sich am Schluss dieser Betrachtung.

Das Vermögen, weit vorauszudenken, in einer gegebenen Situation nicht nur kraft instinktiver Reaktionsweisen zu reagieren, sondern abzuwägen, wie sich unterschiedliche Alternativen entwickeln könnten, ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Mensch und Tier. Wie alles ist auch dieser fließend, aber doch markant. Dieser Unterschied betrifft auch die Herrschaft des Menschen über Gut und Böse.

Im Laufe unserer Überlegungen werden wir sehen, dass das sogenannte Gute – also alles das, was für die Sozietät als Ganzes zuträglich ist – in menschlichen Gesellschaften nicht nur aus der Anpassung von Verhaltensweisen an die natürlich gegebenen Umstände, sondern auch aus der absichtlichen Manipulation der Begriffe Gut und Böse erwächst. Es unterliegt in immer steigendem Maße dem Einfluss von Macht und damit den Gesetzmäßigkeiten, welche der Machtausübung heutzutage zugrunde liegen. Das jeweils Gute ist ein vergänglicher Spielball menschlicher Manipulation.

Die Hochschaubahn der Sitten

Zurück zu unserem fast unsterblichen Zeitgenossen. Geboren, sagen wir, 1750 in Paris, erlebt er die zweifelhaften Segnungen der Kaiserzeit unter Louis XVI und muss sich als ergebener Untertan der katholischen Kirche bekennen. Gut ist, was deren Gott und seiner irdischen Dienerschaft frommt, die sich so gar nicht christlich geriert. 1799 bläst der Wind der Revolution ganz anderes „Gutes“ durchs Land: Der Glaube ist schlecht, gut ist die Gottlosigkeit, Kaiser und Gefolge werden als ganz schlecht geköpft, gut ist der Revolutionsrat, der auch alsbald wieder als schlecht hinweggefegt wird. Ein paar Jahre später ist das Beste überhaupt bei Napoleon zu finden, der im restlichen Europa als das Allerletzte gelten wird, obgleich etliche Geistesgrößen ihn als Helden der Freiheit feiern.

Hundert Jahre später, ausgewandert nach Deutschland, gewöhnt sich unser langlebiger Freund an den nationalistischen Geist der Bismarck-Ära und einige Jahre später an das Gute im Kriegsgeschrei Wilhelms des Zweiten. Jude sein ist ganz böse, und Deutschland das Beste auf der Welt. Nach einem verlorenen Krieg muss er mit zigtausenden anderen auf dem Reichsparteitag dem Führer zujubeln, sonst könnte er Gefahr laufen, als Volksfeind und Hetzer von der Gestapo peinlich befragt zu werden. Er muss Juden hassen, Homosexuelle als Geschwüre am Volkskörper verachten und seine Kinder zu tapferen Soldaten für die kommende Eroberung des Lebensraums im Osten heranbilden lassen.

Wiederum eine halbe Generation später haben sich Gut und Böse erneut gewandelt. Die Judenhasser von gestern sind zu ganz Bösen geworden und werden mit Feuer und Schwert verfolgt, den Kult um den Deutschen als Herrenmenschen, der noch vor 15 Jahren von Millionen als besonders gut bejubelt wurde, muss er nun als schaurige Aberration ins Böse verdammen, will er nicht mit dem Gesetz in Konflikt kommen. Und so geht’s weiter bis zum heutigen Tage: Aus Gut wird Böse, und zurück. Das „Ende der Geschichte“ ist eine Mär, wie viele andere auch, die dem wishful thinking verhätschelter zivilisierter Gehirne entspringen.

Wie sollte ein Mensch, der auf dieser Hochschaubahn der Moral und Sitte nicht abstürzen will, sein inneres Gleichgewicht, seinen Charakter, seine Selbstachtung bewahren? Es wäre ihm unmöglich: Entweder er wird zum schrankenlosen Opportunisten, zum totalen Verächter jeglicher Moralvorstellung, oder er fällt einer der atemberaubenden Wandlungen zum Opfer. Vielleicht entschlösse er sich auch dazu, sich aus dieser Welt freiwillig zu verabschieden und die Segnungen des Ewigen Lebens andernorts, im Jenseits, zu genießen. Noch komplizierter wird die Sache dann, bedenkt man, dass  immer mehr Menschen immer länger leben und sein Schicksal teilen werden. Vielleicht aber entwickeln sich Moral und Sitte dann auch ganz anderes als bei uns heutigen kurzlebigen Erdenwürmern.

Macht und Moral

Im Gegensatz zur Tierwelt vermag der Mensch die Eckpunkte von Moral und Sitte weitgehend selbst zu bestimmen und indirekt auch die hierarchischen und gesellschaftlichen Machtverhältnisse: Wer die Gesetze macht und sie kontrolliert, hat die Macht im Staate – s. oben.

Ganz leicht allerdings ist es nicht, bestehende Ordnungen per Neudefinition der Begriffe und akzeptierten Verhaltensweisen zu ändern. Dazu bedarf es, zu Beginn des Umschlags von einem Gut/Böse – System ins andere, gewisser Keimzellen der Macht, Angelpunkte der Veränderung, Akupunkturpunkte in der Sozietät, in die man die Nadeln der zukünftigen Machtübernahme einstechen kann. Früher, zu Zeiten Macchiavellis, waren dies die bewährten Mechanismen persönlicher Machtergreifung und Machtausübung, wie sie der „Fürst“, amoralisch und ausschließlich dem Gesetze „Mein Zweck heiligt alle Mittel, und mein Zweck ist gut, denn ich will dem Volk bestens dienen“ folgend, ausübt. Keine Intrige, kein Mord, kein Wort- und Treuebruch wurde ausgelassen, um absolute persönliche Herrschaft und damit die Definition von dem, was gut und was böse war, zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten. Man scheute sich zwar davor, die Alten Tugenden, definiert in einigen der Zehn Gebote, nicht öffentlich zu verachten, aber selbst hielt man sich nicht daran und brachte diese damit durch schlechtes Beispiel in Misskredit und Verachtung.

So einfach ist das heutzutage bei Weitem nicht mehr. In westlichen Demokratien gibt es ein ausgewogenes System von Checks und Balances, welches eine einmal bestehende Wertordnung stabilisiert und eifersüchtig über ihre Einhaltung wacht. Gesellschaftliche Veränderungen, die sich auch in der Hierarchie und der Gesetzeslage manifestieren, bedürfen einer breiten Zustimmung in der Bevölkerung und der damit verbundenen Erteilung der Macht an jene Parteien und Individuen, welche diese Ideen vertreten.

Nun ist es eine Eigenschaft großen Menschenmassen, dass sie weniger den Argumenten der Vernunft als jenen des Gefühls und der Emotion zu folgen pflegen. Will man seine Anliegen in einer Demokratie durchsetzen, sollte man daher nicht so sehr an den Intellekt als an die Instinkte der großen Menge appellieren. Seit Cesare Borgia im 15.  Jhdt.  haben sich die Methoden, sich einer breiten Anhängerschaft zu versichern, ebenfalls grundlegend verändert. Genügte es früher, die heimliche Opposition zu unterwandern, ein paar hundert Anhänger mit der Aussicht auf zukünftige Herrlichkeiten zu betören, Unzufriedene zu bestechen, Mörder zu dingen, um einen Staat neu aufzustellen, ist dies heutzutage ungleich schwieriger. Vermittels hochtechnisierter Informationssysteme erreicht man in kürzester Zeit Millionen Menschen, Individuen unterschiedlichster Auffassungen können sich artikulieren, diskutieren, Lösungen entwickeln und einander auch wütend bekämpfen.

Wie man Macht erkämpft und erhält

Der Schlüssel zur Zustimmung einer immer größeren Anzahl von Menschen zu den Zielen einer machtorientierten Gruppierung liegt in der Infiltration von bestehenden Begriffen und Wertsystemen. Alles, was der Abwertung der überkommenen Gegnerschaft und deren Ideologie sowie der Erhöhung des Grades an Zustimmung zu neu in die Debatte gelangenden Kriterien dient, ist geeignet, der Gewinnung von Macht den Boden zu bereiten. Zusammengefasst: Begriffe müssen umdefiniert, Werte umgewertet und damit die Richtung der Bestrebungen großer Menschenmassen auf neue, die Interessen der Machtgewinner unterstützende, Bahnen gelenkt werden. Dazu dient eine Reihe bewährter und immer raffinierter verfeinerte Verfahren.

·      Infragestellung, Lächerlichmachen und Zerstörung von Traditionen.

·      Provokatives öffentliches Brechen von Tabus.

·      Gezielte Desinformation.

·      Diskreditierung oder Totschweigen von Gegenspielern und Vertretern der etablierten oder oppositionellen Macht.

·      Akkumulation von Kapital, um die Macht per materiellem und existentiellem Druck auf die Gegnerschaft auszubauen.

·      Beeinflussung von Meinungsträgern, Unter-Druck-Setzen, Kaufen, Ausschalten, diskreditieren Andersdenkender.

·      Aufbau und Indoktrinierung von außerparlamentarischen Machtgruppierungen, wie NGOs, Vereine, Bürgerinitiativen.

·      Aufbau physischer Macht.

Die Mittel

 Am wirksamsten und nachhaltigsten lässt sich das Gemüt großer Menschenmassen indirekt und unauffällig konditionieren. Die Verhaltensweisen und Motive von Helden und tollen Frauen in Film, Fernsehen, Theater, Romanen usw. entfalten eine millionenfache Beispielswirkung, die durch einschlägig motivierte Kritiker per acclamationem oder exclusionem multipliziert wird. Die sukzessive Eroberung von Schlüsselstellen in der Informationswirtschaft, die Bildung von Presseclustern und TV-Gruppen ermöglicht den Aufbau von gesteuerten Meinungsmonopolen; Auswahl, Manipulation und Färbung von Nachrichten und Kommentaren geben dem realen Geschehen in der Wahrnehmung der Konsumenten dann den erwünschten Spin. Als unterstützende Maßnahmen dienen die gezielte und über lange Zeit durchgehaltene Besetzung von einflussreichen Positionen im Geldwesen, in Verbänden und NGOs. Als probates Mittel im Falle der zeitweiligen Erschütterung dieser Positionen bewährt sich die Erzeugung von wirklichen oder vermeintlichen äußeren Feinden zwecks Schaffung innerer Geschlossenheit und Emotion.

Je intensiver die Informationssysteme ins Leben der Menschen eingreifen, desto schneller gelingt es, diese zu manipulieren und für fast unbegrenzte Zielsetzungen gefügig zu machen. Ein Blick nach Nordkorea, China und in die Türkei genügt, um den schlagenden Beweis dafür vor Augen zu haben. Das Teuflische an diesen Fällen ist es, dass die unmittelbar Betroffenen nichts oder wenig davon bemerken, wie weit sie von ihren Verführern bereits von einem Weg abgelenkt wurden, der ihr eigenes Wohl zum Ziel hatte. Erst im Rückblick kann man erkennen, ob die aufoktroyierte Definition von Gut und Böse dem Volke diente, oder der sichtbaren Herrschaft – schlimmer noch: ganz anderen Mächten im Hintergrund.

Vieler weiterer Methoden der Beeinflussung der öffentlichen Meinung und damit auch der langsamen Verschiebung von Moralvorstellungen haben sich alle Despoten der letzten Jahrhunderte mit steigender Perfektion bedient. Sie tun es derzeit unermüdlich wieder, ohne dass die Betroffenen dessen gewahr werden – auch wir nicht, im angeblich so freien Westen. Auch wir sind diesen Einflüssen tagtäglich ausgesetzt, per Fake News, Post-Bots, Falschmeldungen und Unterdrückung von missliebigen Nachrichten. Die Presse- und Informationsfreiheit schützt uns nur teilweise davor, falschen oder verdrehten Nachrichten zum Opfer zu fallen. Teilweise ist das Gegenteil der Fall.

Unsere Enkel werden erleben, dass das, was heute als gut gilt, in zwanzig, dreißig Jahren schlecht und böse sein und vielleicht hart bestraft werden wird. Dessen bin ich mir, denke ich an die Einstellungen der mich umgebenden Menschen in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, ziemlich sicher.

Viele Grenzen hat der Mensch im Laufe seiner kurzen Stammesgeschichte überschritten: Klimatische, ernährungsmäßige, medizinische, technologische und letztendlich auch moralische. Einer der markantesten Grenzübertritte ist jener betreffend Gut und Böse. Der Begrenztheit der endlichen Fläche der Erde und der faktischen Unveränderbarkeit seiner Instinktsysteme samt Aggression und Massenpsychologie aber wird er nicht entkommen, trotz Marsflug, Psychodrogen und der Herrschaft über Gut und Böse. Dort endet seine Willkür – irgendwann.