Morgengrauen

Das Todtotsagungskomitee

Gastkommentar / von Peter Strasser / 13.08.2016

Heute Nacht waren wir in einer Runde versammelt, so ähnlich wie die Ritter um die Artustafel, nur halt lauter Tote, mir liebe – bloß einer war dabei, der mich zeitlebens genervt hatte. Na schön, ich kam mir vor wie einer von denen: ein „Dahingeschiedener“.

In dieser entschieden jenseitsweltlichen Runde war aber nichts zu spüren von der Morbidität, die derlei Ansammlungen in morbiden Gespenstererzählungen, Gruselfilmen und dergleichen Artefakten als Gütesiegel anhaftet. Nein, wir waren in einem heftigen Diskurs befangen, der davon handelte, wie wir den Tod ignorieren könnten, der uns doch bereits ereilt hatte. Ein Vorschlag machte die Runde, der als zu zaghaft empfunden wurde: Wir könnten ja so tun, als ob wir noch unter den Lebenden weilten, oder wie der Wiener zu sagen pflegt: „No net amoi ignorian!“ Allgemein wurde der kontrafaktische Charakter dieses Vorschlags kritisiert. So tun, als ob – darin läge bereits ein Eingeständnis, nicht wahr? Schließlich machte der, der mich zeitlebens genervt hatte, den stupenden Vorschlag, wir sollten den Tod unsererseits totsagen. Dieser Vorschlag wurde allgemein akklamiert, und schon hatte sich die Runde als Todtotsagungskomitee konstituiert.

Aufwachend ging mir der Gemeinspruch durch den Kopf, wonach Totgesagte länger leben – eine Einsicht, die mich, soeben von den Toten zurückgekehrt, aufstöhnen ließ. Meine Frau neben mir drehte sich schlafend von einer Seite auf die andere, wobei sie mich durchaus liebevoll fragte: „Lebst noch?“

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).