Lilly Panholzer

Star Wars Dezember 2015

Das Überall

von Barbara Klingbacher / 11.12.2015

Die Weltraumsaga hat überall Spuren hinterlassen: in Religion und Politik, Mode und Musik, Wissenschaft und Technik. Barbara Klingbacher und Reto U. Schneider haben sich für NZZ Folio auf Spurensuche begeben.

Sternenkrieger in der Politik

Am 1. März 2013 sagte Barack Obama in einer Pressekonferenz zu den Zwangskürzungen im US-Haushalt, man scheine zu erwarten, dass er im Kongress eine Art von „Jedi mind meld“ – eine Jedi-Gedankenverschmelzung – einsetze und die Leute so dazu bringe, das Richtige zu tun. Es war nicht das erste Mal, dass ein amerikanischer Präsident Star Wars zitierte. Als Ronald Reagan im Kalten Krieg der 1980er Jahre den Abwehrschirm gegen sowjetische Interkontinentalraketen aufbauen wollte – die „Strategic Defense Initiative“ –, bekam das Projekt rasch den Spitznamen Star Wars. Eingeführt worden war die Bezeichnung von kritischen Demokraten, die ein Wettrüsten befürchteten, aber Reagan wehrte sich nicht dagegen; bereits früher hatte er die Sowjetunion in einer Rede als „evil empire“ bezeichnet. Sein Redenschreiber bestritt zwar, dass sich das auf Star Wars bezogen habe, schließlich gebe es auch andere böse Imperien. Zwei Jahre später präzisierte Reagan dann, die strategische Verteidigungsinitiative werde zwar Star Wars genannt, aber es gehe dabei ja nicht um Krieg, sondern um Frieden: „Und in diesem Kampf“, fügte er an, „ist die Macht mit uns.“


Credits: Lilly Panholzer

Unglücklich über diesen Krieg der Namen war vor allem der Schöpfer George Lucas, seit je ein Demokrat. Star Wars habe einen sehr großen sozialen, emotionalen und politischen Kontext gehabt, sagte er in einem Interview 2012. „Aber natürlich hat das niemand gemerkt.“ Lucas hatte die Geschichte vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs geschrieben, sein „evil empire“ war die amerikanische Armee, die in Vietnam eingefallen war, sein Imperator der republikanische Präsident Richard Nixon. Kein Wunder also, dass Lucas versuchte, die Deutungshoheit über Star Wars zurückzugewinnen. Lucasfilm verklagte sowohl die Befürworter als auch die Gegner der „Strategic Defense Initiative“, die Star Wars in ihren Werbespots oder Inseraten verwendeten. Allerdings wurde die Klage abgewiesen mit der Begründung, die zwei Wörter seien zu gängig in der englischen Sprache. Und einerlei, wen George Lucas im Kopf hatte, als er das Imperium beschrieb: Aus Sicht der Politik ist die dunkle Seite sowieso immer die andere.

Sich selbst vergleicht man lieber mit den ehrenhaften Jedi-Rittern, wie es zum Beispiel der britische Labour-Politiker Jamie Reed 2005 in einer Rede getan hat. Dass er sich als ersten Jedi-Politiker bezeichnete, sei aber nur ein Scherz gewesen, musste sein Büro nachschieben. Auch der hindunationalistische indische Premierminister Narendra Modi rief 2014 bei einem Auftritt in New York ein jedihaftes „Möge die Macht mit euch sein“ in die Menge, und der deutsche CDU-Politiker Peter Tauber zitierte Meister Yoda: „Tue es, oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“ Allerdings schlug hier ein Journalist von Süddeutsche.de zurück. Yoda sei ja eigentlich ein Grüner, schrieb er auf Twitter, der „recht erfolgreich gegen eine dunkle (schwarze) Macht kämpft“.

Auch Barack Obama wurde wegen seines „Jedi mind meld“ kritisiert, allerdings nur für seine Unwissenheit. Der „Jedi mind trick“ stamme zwar aus Star Wars, mokierten sich die Fans, „Mindmelding“ aber sei aus Star Trek („Raumschiff Enterprise“); der Präsident hatte die beiden Science-Fiction-Geschichten kurzerhand verschmolzen.

Warum Amerika keinen Todesstern baut

Am 11. Januar 2013 veröffentlichte das Weiße Haus die offizielle Antwort, warum es keinen Todesstern bauen wolle, nachdem 26.000 Unterzeichner genau das in einer Petition gefordert hatten. Ihren Anfang hatte die Geschichte aber mit Zombies genommen. Der englische Student Sean Goodwin hatte 2012 angefangen, für den Blog „Centives“ zu schreiben, wo man absurde, aber möglichst korrekte Berechnungen zu popkulturellen Phänomenen aufstellte – zum Beispiel, wie viel Geld es kosten würde, die Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei aus Harry Potter zu besuchen.

Als erstes rechnete Goodwin aus, wie viele Zombies es brauchen würde, um jede Armee der Geschichte zu besiegen; allerdings schlug das Thema nicht so richtig ein. Daraufhin wollte Goodwin herausfinden, ob es auf der Erde genügend Stahl gäbe, um einen Todesstern zu bauen, und wie viel dieser Stahl kosten würde. Die Antwort: 852 Billiarden Dollar (eine Billiarde ist eine Zahl mit 15 Nullen). Die Zahl war so unwiderstehlich hoch, dass andere Blogs und Zeitungen sie aufnahmen und die Berechnungen noch erweiterten. Im Juni 2012 diskutierte dann das amerikanische Technologiemagazin „Wired“ mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger Paul Krugman die Frage, ob es sich lohnen würde, in diesen Todesstern zu investieren. (Krugman merkte auch an, der Todesstern verkörpere eine sehr veraltete Vorstellung davon, wie das Böse aussehen könnte; er vermutete, das Böse werde in Zukunft wohl eher in elegantem, von Steve Jobs inspiriertem Design daherkommen.)

Der Server von „Centives“ brach unter dem Ansturm zusammen. Schließlich startete ein Internetnutzer namens John D. eine Petition, die verlangte, die amerikanische Regierung müsse das Projekt Todesstern als Programm zur Schaffung von Arbeitsplätzen angehen; innerhalb zweier Wochen hatte die Petition die 25.000 Unterzeichner beisammen, die es brauchte, damit das Weiße Haus antworten musste. Man versuche, das Defizit zu verringern, nicht zu vergrößern, schrieb das Weiße Haus: „Und warum sollten wir unzählige Steuerdollar für einen Todesstern mit einer Schwachstelle ausgeben, die so fundamental ist, dass sie von einem Ein-Mann-Raumschiff ausgenutzt werden kann?“ Außerdem, so stand es im Antwortschreiben, unterstütze die Regierung grundsätzlich keine Sprengungen von Planeten.

Religionszugehörigkeit: Jedi

Es begann in Neuseeland: Laut der Volkszählung im Jahr 2001 waren 53.715 Neuseeländer plötzlich weder Christen, Buddhisten noch Muslime, sondern Jedi. Grund dafür war ein Kettenbrief. Eine Woche vor der Volkszählung im Februar war ein anonymes E-Mail aufgetaucht, in dem dazu aufgerufen wurde, die Frage nach der Religionszugehörigkeit mit „Jedi“ zu beantworten. Die 53.715 Neuseeländer, die dem Aufruf folgten, hätten den Jediismus damit auf Anhieb zur zweitgrößten Religion des Landes gemacht – wenn er denn von den Autoritäten als Religion anerkannt worden wäre. Als bald darauf im Nachbarland Australien ein ähnliches Mail zirkulierte, drohte die Regierung, jede Jedi-Antwort werde mit 1.000 Dollar Buße belegt; von den 70.000 Australiern, die sich trotzdem furchtlos zum Jediismus bekannten, wurde dann doch keiner bestraft. Die Bewegung war nicht mehr zu stoppen: Von Kanada bis Kroatien, von Tschechien bis Montenegro tauchten Jedi in den Statistiken auf; in Großbritannien erreichte der Jediismus mit 390.127 Anhängern im Jahr 2001 seinen Höhepunkt.

Han solo, Trilobit
Credits: Lilly Panholzer

Was als Scherz begonnen hatte, wurde für manche Menschen tatsächlich zu einer Glaubenssache: Im Netz existieren viele Portale, auf denen sich die Star-Wars-Jünger austauschen, zum Beispiel der amerikanische „Temple of the Jedi order“, der über die Jahre ein Glaubenssystem samt Bekenntnis, 16 Lehren und 21 Maximen ausgetüftelt hat. Ausserdem wünschen sich auch immer wieder Menschen den Beistand der Macht bei Hochzeiten oder bei Beerdigungen. Allerdings ergeht es dem Jediismus im Moment ähnlich wie vielen westlichen Glaubensgemeinschaften: Er ist auf dem Rückzug. In Großbritannien etwa hatte sich die Anhängerschaft bis zur nächsten britischen Volkszählung 2011 – zehn Jahre später – bereits wieder halbiert.

Die Rückkehr des Leitmotivs

Wenn Prinzessin Leia auftritt, lauschen wir sanften Tönen, greifen die Rebellen an, erklingen Fanfaren, und jedes Mal, wenn irgendwo die Macht erwacht, erhebt die immergleiche Melodie unser Gemüt: Für Star Wars ließ der Komponist John Williams eine Art der Filmmusik auferstehen, die damals aus der Mode war: die Leitmotivtechnik, die Protagonisten, Orten, Ideen oder Erzählsträngen einzelne Motive zuschreibt und sie zu einem großen Ganzen verschmilzt. Die Technik wurzelt in der Oper, allen voran in den Werken Richard Wagners, und sie prägte in den 1930er und 1940er Jahren die großen Hollywoodfilme. Danach allerdings wandten sich die Regisseure nach und nach von sinfonischer Filmmusik ab.

George Lucas aber schwebte für Star Wars etwas altmodisch Bombastisches vor; die Ouvertüre, so beschrieb er es Williams, sollte klingen wie „ein Echo von Kriegstrommeln in den Himmeln“. Williams hatte die Leitmotivtechnik zwei Jahre zuvor für Steven Spielberg wieder eingeführt, allerdings in minimalistischer Form. Sie bestand aus nur zwei Tönen, die noch heute jedem einen Schauer über den Rücken jagen: E und F kündigten an, dass jetzt gleich der weiße Hai auftaucht. Für Star Wars schöpfte Williams dann aus dem Vollen. Innerhalb zweier Monate hatte er den kompletten Soundtrack geschrieben, der dann vom London Symphonic Orchestra eingespielt wurde (allerdings noch ohne den „Imperial March“, Darth Vaders berühmtes Leitmotiv – der kam erst im nächsten Teil vor).

George Lucas sagte später, die Musik sei das einzige Element des Films gewesen, das seine Erwartungen übertroffen habe. Nachdem Williams für Star Wars seinen dritten Oscar gewonnen hatte, wollten plötzlich wieder viele Regisseure sinfonische Musik samt Leitmotiven für ihre Blockbuster, am liebsten von Williams selbst. Neben der Star-Wars-Reihe (auch die neuste Episode) hat er Spielberg-Filme von „E.T.“ über „Indiana Jones“ bis zu „Jurassic Park“ vertont, außerdem alle „Harry Potter“-Filme. Mit 49 Oscar-Nominierungen und fünf gewonnenen goldenen Statuen gilt der 83-Jährige als der erfolgreichste Filmkomponist aller Zeiten.

Ein Wurm namens Yoda purpurata

Yoda purpurata
Credits: Lilly Panholzer

Der deutlichste Beweis, dass Wissenschaftler sich für Star Wars interessieren, findet sich in den Taxonomie-Datenbanken der Zoologen. Milben, Ameisen und Käfer tragen die Spuren von Darth Vader im Namen, eine Wespe und ein Wurm sind nach Yoda benannt, der Wurm, weil seine Lippen aussehen wie die Ohren des kleinen Jedi-Meisters. Eine unvollständige Liste aus dem Tier-Universum:

Agathidium vaderi
Credits: Lilly Panholzer

Darthvaderum greensladeae, Milbe.
Adelomyrmex vaderi, Ameise.
Agathidium vaderi, Käfer.
Polemistus chewbacca, Wespe.
Polemistus yoda, Wespe.
Yoda purpurata, Wurm.
Han solo, Trilobit.
Sclerobunus skywalkeri, Spinne.
Tetramorium jedi, Ameise.

Die besten Titel

Auf der Suche nach einem Thema für ihre nächste Arbeit wurden vor allem die Erforscher der Seele bei Star Wars fündig, was die Fachliteratur um einige denkwürdige Titel bereicherte: „Darth Vader hat mich dazu gebracht! Anakin Skywalkers Sich-Drücken vor der Verantwortung und der Graubereich der hegemonischen Maskulinität im Star-Wars-Universum“ (Communication, Culture & Critique, Vol. 2, 2009). Angesichts der dramatischen Vater-Sohn-Konstellation konnten sich auch die Psychoanalytiker nicht zurückhalten: „Die Star-Wars-Saga, Mythen und Autobiographie, eine freudianische Herangehensweise an George Lucas’ Drehbuch“ (The Film Scene, Cinema, the arts and social change, 2006). Natürlich konnten die Jungianer den Freudianern das neue Universum nicht kampflos überlassen: „Der Mythos und die Magie von Star Wars: eine jungianische Interpretation“ (Viewpoints, 1983). Die Psychiater hingegen stellten Fragen: „Leidet Anakin Skywalker am Borderline-Syndrom?“ (Psychiatry Research, Vol. 30, 2011). Von den Medizinern bekamen es natürlich die Magen-Darm-Spezialisten zuerst mit der dunklen Seite der Macht zu tun: „Die Kolonoskopie schlägt zurück: ein divertikulärer Darth Vader“ (Medical Journal of Australia, Vol. 187, 2007). Aber Hilfe war glücklicherweise gleich um die Ecke: „Der Von-Willebrand-Faktor, Jedi-Ritter des Blutstroms“ (Blood, Vol. 124, 2014).

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