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Geldwirtschaft

Das Unendliche und der Mensch

von Rene Scheu / 13.09.2016

Der Mensch hegt unendlich viele Bedürfnisse und kann unendlich viel Geld drucken, bleibt aber auf endliche Ressourcen angewiesen. Resultiert daraus ein unlösbarer Konflikt?

Die klassischen Ökonomen – altertümlich Nationalökonomen genannt – sind eigentlich Sozialphilosophen und längst vom Aussterben bedroht. Es geht ihnen nicht um Formeln und Lösungen für wirtschaftliche Teilprobleme, sondern ums grosse Ganze – um das Leben und Wirtschaften der Menschen. Einer der Letzten ihrer Art ist Hans Christoph Binswanger, der vor einigen Wochen seinen 87. Geburtstag feierte. Selbst Ökonom, versäumt er keine Gelegenheit, die eigene Zunft zu kritisieren, die er süffisant eine „Glaubensgemeinschaft“ nennt. Und es stimmt, auch die ökonomische Lehre beruht auf Prämissen, die sie annehmen, aber kaum begründen kann. Binswanger nun treibt das Spiel auf die Spitze und macht aus der Sozialphilosophie eine Art Theologie, indem er den Begriff des Unendlichen in seine Überlegungen einführt.

Seine Operation gemahnt an Descartes, der in seinen „Meditationen“ sinngemäss wie folgt argumentiert, nachdem er zuvor die Legitimität alles Seienden in Zweifel gezogen hat: Die Vorstellung eines Unendlichen kann der endliche Mensch nur haben, weil das Unendliche dem endlichen Menschen die Idee eingegeben hat. Also muss Gott existieren. Also existiert auch die Wirklichkeit, die der Mensch durch das göttliche Instrument des Verstandes zu erkennen vermag. Binswanger, der sich in seinem neuen Büchlein als fromm „outet“ („Die Wirklichkeit als Herausforderung. Grenzgänge eines Ökonomen“, 2016), sieht den Menschen Gott spielen. Der Mensch hat nicht das Leben, wohl aber das Geld aus dem Nichts geschaffen. Wenn die Geldmenge sich ins Unendliche ausdehnen lässt, wenn zudem die Bedürfnisse des Menschen potenziell ebenso unendlich sind wie sein Gewinnstreben, die irdischen materiellen Ressourcen der Erde aber beschränkt sind, muss diese Konstellation nicht zwangsläufig zu einem Kollaps führen? Arbeitet also der faustisch veranlagte Mensch nicht an seinem eigenen Untergang? Und hätte die richtig verstandene Ökonomie nicht die Aufgabe, den Menschen an die Überheblichkeit und Gefährlichkeit seines Unterfangens zu erinnern?

Die moderne Wirtschaft ist zweifellos durch eine „heillose Unruhe“ charakterisiert. Neues Geld kommt als Kredit an verschuldungsbereite Individuen in die Welt, und dieses Geld wird in den Händen der Unternehmer zu Kapital. Diese sind ihrerseits gezwungen, Gewinn zu erwirtschaften, den andere nur durch neues Geld bezahlen können, das ebenfalls erst durch Kreditvergabe geschaffen werden muss. Binswanger nennt dies die „Wachstumsspirale“, in der wir stecken: „Wachstum verlangt weiteres Wachstum.“

Binswangers Gedankengang ist anregend – und doch weist er eine Lücke auf. Nicht nur die Bedürfnisse des Menschen sind potenziell unendlich, sondern auch seine Ideen – und mithin, das war Schumpeters Punkt, auch die Innovationen. Liessen sich also womöglich aus endlichen Ressourcen doch unendlich viele Produkte herstellen, ohne die Natur zu zerstören? Und selbst wenn das Denkmögliche sich als unwirksam herausstellen sollte – profitiert der Mensch nicht von fast unendlich viel extern zugeführter Sonnenenergie (jedenfalls bis der Sonnenstern in ein paar Milliarden Jahren explodiert)? Und selbst wenn dies nicht reicht – wäre dann nicht das Universum unendlich gross, also auch unendlich bewohnbar?

Die Fragen, die Binswanger aufwirft, sind reizvoll. Sein Büchlein sei jenen ans Herz gelegt, die ein aufgeklärtes Problembewusstsein möglichen Lösungen vorziehen. Das ist Binswangers wahre Pointe: Besteht nicht in der Tatsache, dass der Mensch unendlich viele Fragen hegt, seine Würde?