Das Versprechen der Gerechtigkeit

von Yvonne Widler / 21.01.2015

So alt wie die Menschheit selbst ist die Debatte um Gerechtigkeit. Was meinen wir, wenn wir etwas als gerecht oder ungerecht bezeichnen? Unklar ist ja schon, worauf wir uns dabei beziehen. Auf Personen und ihre Handlungen, Institutionen oder Verteilungsprozesse?

Haben Sie schon einmal jemanden gefragt, was der Begriff Gerechtigkeit bedeutet? Vermutlich haben Sie dann in ein verzweifeltes Gesicht geschaut. Dann, schön langsam, bekommen wir recht unbefriedigende Antworten, aber immerhin. Es soll ja auch Menschen geben, die bei dem Wort Gerechtigkeit ausschließlich an das vierte Studioalbum von Metallica denken, es nennt sich …And Justice for All. Es war das erste Album, das nach dem Busunglück der Band, bei dem Bassist Cliff Burton als einziger der Musiker aus dem Fahrzeug geschleudert, anschließend von diesem auch noch erschlagen wurde, aufgenommen wurde. Zuvor habe er mit seinen Bandkollegen um den Platz im Bus geknobelt, heißt es. Aber die häufigste Antwort: Das Leben ist ungerecht. Dabei wollen wir es aber nicht belassen.

Gerechtigkeitsfragen erscheinen im Kleinen wie im Großen. Beginnen wir beim Kleinen, nämlich in der Twitterblase.

So lautet einer der aktuellsten Einträge, wenn man nach #Gerechtigkeit sucht. In diesem Fall bezogen auf die Justiz. Und während Unternehmer Hans-Peter Haselsteiner vorschlägt(kostenpflichtig oder hier und hier), ganz Europa solle sich ein Jahr lang kein Auto kaufen, demonstrieren 2.000 Menschen in Wien vor dem Café Prückel und schreien nach Gleichberechtigung für lesbische, sich in einem Kaffeehaus küssen wollende Paare, denn das halten sie für gerecht. Kaum wurde der nächste Thinktank zu Generationengerechtigkeit gegründet, sind wir alle Charlie, um ein Zeichen zu setzen, denn was diesen Menschen geschehen ist, ist nicht gerecht. Gerade haben wir die Töchter im Sinne der Geschlechtergerechtigkeit in der Bundeshymne untergebracht, denken wir darüber nach, ob wir es uns leisten können, uns zusätzlich privat zu versichern, denn der Zugang zu guter medizinischer Versorgung wird unserem Empfinden nach immer ungerechter. Und während Europa nach einem gerechten Verteilungsschlüssel für die Unterbringung von Flüchtlingen sucht, ärgern wir uns über die ungerechte Punkte-Vergabe beim Eurovision-Songcontest.

Im Kleinen also wie im Großen.

Von Lohn und Strafe

Speziell zur Verteilungsgerechtigkeit, zur Kluft zwischen Arm und Reich, gibt es reichlich Denkansätze. Eine Gesellschaft ist dann gerecht, wenn sie in Harmonie ist, wenn jedes Mitglied das Seine tut, meinte der Philosoph Platon einst. Doch „das Seine tun“ muss definiert werden. Umgelegt auf die heutige Zeit könnte man sagen, wenn jeder jenen Lohn und jene Strafe erhält, die er verdient, darüber hinaus aber alle gleich behandelt werden, dann wären wir wohl gerecht. Daraus resultiert aber eine Folgefrage: Wer hat was verdient? Wie sollen welche Verbrechen sanktioniert werden? Haben Akademiker mehr verdient als Menschen ohne derartigen Abschluss? Solche Fragen basieren natürlich auf der Annahme, dass es jemanden geben muss, der diese Entscheidung trifft. Dass es also jemanden geben muss, der das Recht hat, Menschen zu bestrafen und zu belohnen, wie beispielsweise der Staat als gesellschaftliche Institution. Vertreter des Anarchismus würden hier freilich aufschreien und postulieren, dass nur der Zustand ohne Autorität gerecht ist.

Manche sind nun mal erfolgreicher

Ein Moment, der meist in Zusammenhang mit Gerechtigkeit erscheint, ist Gleichheit. Der amerikanische Philosoph John Rawls hat in seiner Theory of Justice gefragt, wie wir es denn so mit der Gleichheit halten. Nun ja, wir kennen Gleichheit im Rechtsstaat, Gleichheit im Strafprozess, in einer Demokratie. Demgegenüber stehen aber Ungleichheiten zwischen Menschen. Rawls fragt weiter, in welchem Maße diese Ungleichheiten zu tolerieren sind, bevor es ungerecht wird. Er stellt sich einen Urzustand vor, eine Insel beispielsweise, wo die Menschen unter einem fiktiven Schleier der Unwissenheit leben. Sie wissen nicht, welche Stärken und Schwächen sie haben und müssen sich die Regeln des Zusammenlebens erst ausdenken. Worauf würden wir uns wohl einigen? Alle sollten die gleichen Rechte haben, jeder sollte von den verfügbaren Ressourcen auf der Insel in gleichem Maße profitieren können. Dann sagt Rawls aber, dass aufgrund der Ungleichheit der Menschen früher oder später manche von ihnen mehr Erfolg haben werden als andere und stellt sich die Frage, ob das denn in Ordnung sei. Für ihn wäre es dann in Ordnung, wenn die Erträge der Erfolgreichen auch einen optimalen Nutzen für die weniger Erfolgreichen bringen. Unter diesen Bedingungen wäre Ungleichheit gerecht.

Das ist eine der wichtigsten modernen philosophischen Annahmen dazu.

Eine andere wäre, davon auszugehen, dass die Welt nie gerecht sein kann, beginnt doch die große Ungerechtigkeit schon, bevor wir überhaupt auf die Welt kommen. In welche Familie, mit welcher körperlichen Ausstattung, in welches soziale Umfeld wir hineingeboren werden, alles ein Glücksspiel, bei dem es ziemlich ungerecht zugeht.

Bleiben wir auf dem Boden der Gerechtigkeit

Justitia war die Göttin der Gerechtigkeit im alten Rom. „Indem sie diese schwierige Aufgabe einer göttlichen Instanz übertrugen, machten sie für alle Zeiten klar, dass irdische Justiz für Gerechtigkeit nicht zuständig ist“, hat der Schweizer Jurist und Journalist Markus Felber einmal kommentiert. Wir sehen es jedenfalls als unsere irdische Aufgabe, uns in diesem Phänomen diesen Fragestellungen zu widmen. Nicht einmal die größten Denker von gestern und heute sind sich einig darüber, was denn nun gerecht ist.

Keine Sorge, wir wissen es auch nicht, aber wir werden gemeinsam darüber nachdenken. 

Inzwischen gibt es hier eine kleine Einführung des deutschen Philosophen Christian Weilmeier, in der die Schwierigkeiten der Erklärung von Gerechtigkeit schon etwas zu erahnen sind.

Und um mit einer großen Frage von Konrad Paul LiessmannEin österreichischer Philosoph, der im Rahmen seiner Forschung vor allem die Schnittstellen zwischen öffentlichem Interesse und Philosophie begleitet. zu schließen: „Warum fragen wir eigentlich immer: Was ist gerecht? Wir sollten uns fragen, wer denn gerecht ist!“