Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Das vollkommen Offensichtliche

Gastkommentar / von Peter Strasser / 02.01.2016

Und schon wieder ist ein Jahr um! Das höre ich jetzt andauernd, und zwar deshalb, weil schon wieder ein Jahr um ist.

Wäre es nach mir gegangen, ich hätte kein Wort darüber verloren. Warum soll ich mich zu Tatsachen äußern, die vollkommen offensichtlich sind? Als ich diese Frage jüngst in kleiner philosophischer Runde einbrachte, wurde ich von einer Kollegin, die gerade über den Beweis der Außenwelt bei George Edward Moore eine längere Abhandlung schreibt, daran erinnert, wie der gewitzte („sophisticated“) Denker die Außenwelt bewies.

Er hielt zunächst seine eine Hand hoch und sagte: „Hier ist eine Hand“; anschließend hielt er seine andere Hand hoch und sagte: „Und hier ist noch eine.“ Damit habe Moore die Existenz der Außenwelt bewiesen, indem er bewiesen habe, dass zumindest zwei Dinge der Außenwelt existierten. Er habe also, so meine Kollegin, die gedanklich bereits tief in Moores Proof of an External World (1939) eingedrungen war, das vollkommen Offensichtliche durch das vollkommen Offensichtliche bewiesen, nicht wahr?

Auf meine begriffsstutzige Frage, warum man das vollkommen Offensichtliche beweisen müsse, konnte sie mir allerdings nicht gleich antworten. Das sei eine typische Nachdenkfrage.

Sie dachte die ganze Nacht nach, um mich heute um 5 Uhr 30 via E-Mail, Wichtigkeitsstufe „Hoch“, die Antwort wissen zu lassen: Das vollkommen Offensichtliche sei zugleich das am meisten Rätselhafte, ich solle bloß an das Jahr denken, das schon wieder um sei …

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.