Das Wackeln meiner Zehen

Gastkommentar / von Peter Strasser / 06.07.2016

Im Traum meine Füße gesehen. Sie gehörten aber nicht zu mir. Ich wachte schreiend auf. Es musste sich um einen jener Depersonalisierungsalbträume gehandelt haben, die kurz vor dem Aufwachen eine Tiefenwahrheit des Ich ins Bewusstsein spülen.

Ich habe mir das einmal von einem mir befreundeten Traumexperten auseinandersetzen lassen. Es sollen besonders die philosophisch fixierten Geister sein, die im Traum ihre Glieder betrachten, bloß um festzustellen, dass sie nicht zu ihnen gehören. Derlei Geister, so hat mir der Traumexperte erklärt, mit dem ich seither weniger gut befreundet bin, seien „psychisch labil“, wenn nicht sogar „gefährdet“. Nachdem mir meine neben mir seelenruhig schlafende Frau ihren Arm beruhigend übers Gesicht legte, betrachte ich unter ihrem Arm hindurch meine unten aus der Bettdecke herausragenden Zehen. Sind das meine? Natürlich. Ich wackle mit ihnen. Sie wackeln. Sie wackeln sozusagen munter zurück.

Das lässt jetzt doch wieder ein kleines Flämmchen des Grauens in mir aufflackern. Wenn ich es bin, der mit seinen Zehen wackelt, wie wäre es dann möglich, dass sie zurückwackeln? Gleich aber versuche ich, mich damit zu beruhigen, dass es ja Gott sei Dank meine eigenen Zehen sind, die zurückwackeln. Und doch, und doch … Da der beruhigende Arm meiner Frau mittlerweile meine Augen vollkommen bedeckt, kann ich meine Zehen nicht mehr sehen. Schönes Gefühl. Man darf eben nicht zu viel von sich selbst sehen, um mit sich selbst im Reinen, das heißt, eins zu sein.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).