Ayesta & Bression/Hanslucas

Das Wort „Flüchtling“ vernebelt, worum es geht

von Cora Stephan / 03.06.2016

Den Flüchtling gibt es nicht. Die unterschiedlichen Einzelschicksale darzustellen, ist Aufgabe der Literatur. Doch wenn Angela Merkel die Stimme des Herzens sprechen lässt, was bezweckt sie damit? Cora StephanDie Publizistin und Schriftstellerin lebt in Deutschland und Frankreich. Eben ist bei Kiepenheuer & Witsch ihr neues Werk „Ab heute heiße ich Margo“ erschienen.  über Verwechslung von Literatur und Politik.

Ein Roman lebt von seinen Figuren und ihrer Geschichte, von ihren Eigenheiten und ihren mehr oder weniger irrigen Vorstellungen von Gott und der Welt, der Liebe, den Menschen. Wer aus der Perspektive seiner Charaktere schreibt, muss radikal subjektiv sein, alles verstehen, viel verzeihen. Keine Figur, die glaubhaft sein soll, steht für irgendetwas anderes als für sich selbst.

Germanisten mögen sich hernach über das Werk beugen und das Schicksal der Helden für exemplarisch erklären. Doch wer seine Figuren dazu benutzt, um an ihnen ein Exempel zu statuieren, muss es schon sehr geschickt anstellen, um seine Leser nicht zu langweilen. Denn die Moral von der Geschicht’ ist schnell erzählt, und Leser lieben es nicht, wenn man sie belehrt, statt sie für ein menschliches Schicksal einzunehmen.

Das Allgemeine, etwa das ganz große schicksalhafte Verhängnis, interessiert nur dann, wenn es den Protagonisten schmerzhaft auf die Füße fällt. Die Zeiten der „politischen Literatur“, in denen alles Gleichnis war, sind gottlob vorbei. Eine Geschichte, in der ein Kapitalist eine Rolle spielt, sagt nichts Verallgemeinerbares über den Kapitalismus, die Geschichte von Blaubart ist keine gültige Aussage über die Monarchie, und ein preußischer Grundbesitzer macht noch keine Analyse des Junkertums. Heinrich Manns „Untertan“ steht nicht Pars pro Toto für die Deutschen und der Glöckner von Notre-Dame nicht für alle Buckligen.

Das Wort „Flüchtling“

Die Schriftstellerin Antje Rávic Strubel definierte kürzlich in einem Interview in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die „Aufgabe von Schriftstellern“ folgendermaßen: „konkret zu werden, Geschichten zu erzählen, in denen die Individuen dann nicht einfach ,Flüchtling‘ heißen und in einer Statistik mit großen Zahlen verschwinden.“ Und weiter: „Es [das Wort ,Flüchtling‘] reduziert das Individuum auf einen Fall, es bringt Unterschiede zum Verschwinden. Solange man verallgemeinert, geht einen nichts wirklich an. Es gibt keine Identifikation mit dem Leid und keinen Respekt vor der Lebensgeschichte der anderen. Da, wo die politische und mediale Sprache im Vagen bleiben, können Autoren konkret werden, die Vielschichtigkeit eines Lebens veranschaulichen.“

Recht hat sie, einerseits. Das Wort „Flüchtling“ vernebelt, worum es geht. Hinter diesem Wort verbergen sich tausende Menschen, die sich auf den Weg nach Mitteleuropa und vor allem nach Deutschland machen, deren Schicksal und Absichten völlig unterschiedlich sind. Einige sind persönlich verfolgt und haben Anspruch auf Asyl; anderen, die Krieg und Bürgerkrieg entkommen wollen, muss vorübergehend Schutz gewährt werden; viele sind auf der Suche nach einem besseren Leben, was man gut verstehen kann, woraus sich jedoch kein Aufenthaltsanspruch ableiten lässt. Hinzu kommen Abenteurer, aber auch Kriminelle und Terroristen. Flüchtling im strikten Sinn ist niemand, der sich vor der Ankunft in Deutschland in einem sicheren Land aufgehalten hat.

Unter der Vokabel „Flüchtlinge“ verbergen sich Geschichten voller Potenzial – auch für Konflikte: zwischen den Religionen, zwischen den Geschlechtern oder um sexuelle Orientierungen. Das wäre wahrlich Stoff für viele spannende Erzählungen: etwa über einen schwulen Blogger, der sich gegen einen jungen Muslim behaupten muss, welcher seine homoerotischen Neigungen unter aggressiver Schwulenfeindlichkeit verbirgt … Oder über eine junge Mutter zweier Kinder, die auf der Flucht genau das wieder vorfindet, wovor sie geflohen ist: Männergewalt … Die Wirklichkeit dürfte die schriftstellerische Fantasie weit übertreffen.

Doch es ist zu befürchten, dass die Schriftstellerin diese Vielfalt gar nicht meint, da es ihr ja um die „Identifikation mit dem Leid“ geht: „Wenn ich die Erfahrung eines einzelnen Menschen anschaulich mache, ist das schon ein politischer Vorgang“, sagt sie. Doch reduziert das die Vielfalt nicht wieder auf die Ikonen des Opfertums, großäugige Kinder, weinende Frauen?

Stoff für Literatur? Gewiss. Politisch? Nur im Sinne jenes Politikbegriffs, dem gemäss es darauf ankomme, in Menschen Gefühle zu erzeugen. „Ein Bild sagt mehr als alle Worte“: Darin fasst sich die Absicht der medial erzeugten Propaganda zusammen.

Das Politische: das Allgemeine

Das Politische aber hat es genau mit dem zu tun, was die Schriftstellerin anprangert, mit dem Allgemeinen, also mit Statistik und grossen Zahlen. Doch der Begriff des „Flüchtlings“, das ist die Paradoxie, verallgemeinert falsch, weil er die Vielfalt der Schicksale und die Notwendigkeit unterschiedlicher politischer Antworten darauf unterschlägt. Das Wort wird, weil es Mitleid erregt und damit Kritik ausschaltet, instrumentalisiert. Dabei muss das Land, müssen die Bürger, müssen auch die Migranten wissen, wer hierhinkommt und mit welchen Absichten und, was daraus folgt, wer gehen muss und wer bleiben kann. Wir brauchen Zahlen und Statistik. Der Einzelfall gehört der Literatur.

Die Verwechslung von Politik mit Literatur verheert die politische Debatte. Die „politische Literatur“ überlebt ausgerechnet da, wo sie nicht hingehört – in der Politik. Sie hat schon der Literatur nicht gutgetan, dem Politischen sui generis aber, das auf der Nüchternheit der Fakten baut, hat sie den Garaus gemacht. Politik, so glauben ihre Kommunikatoren heute, braucht eine Erzählung. Ein Gefühl. Etwas, was betroffen macht. Alles, nur keine kalten Zahlen oder so etwas Brutales wie die Wirklichkeit. Politik ist heute ein einziger grosser Roman namens „Der Alte aus der Eifel“.

Dem geneigten Schweizer Publikum sei das erklärt: Die Eifel ist ein einsames Mittelgebirge und die Heimat der bundesdeutschen Ministerin für Arbeit und Soziales, Andrea Nahles. Sie begründete ihre Entscheidung, das Renteneintrittsalter wieder auf 63 Jahre zu senken, mit dem Schicksal ihres Vaters, der mit 61 nicht mehr arbeiten konnte. „Mein Vater war Maurer und ist mit 73 Jahren gestorben. Wenn mir da einer mit Arbeiten bis 70 kommt, werde ich sauer.“

Papi also ist der Maßstab für alle Menschen in der Bundesrepublik, ach was: Die Eifel ist der Nabel der Welt! Im Bundestag stimmte Nahles das Pippi-Langstrumpf-Lied an, das dieses Politikverständnis auf den Punkt bringt: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ (Dass das Thema ihrer Magisterarbeit an dieser Weltsicht schuld ist, möchte ich ihr indes nicht unterstellen. Es lautete: „Funktion von Katastrophen im Serien-Liebesroman“.)

Ihre Kollegin, Familienministerin Manuela Schwesig, tut es ihr neuerdings nach. „Mein Vater ist Schlosser, der hat jahrelang auf dem Bau gearbeitet, der hat es nicht mal bis 65 geschafft, weil seine Knochen kaputt sind“, sagte sie jüngst im Fernsehen, als es um die Rente ging. Schwesig hat allerdings noch einen weiteren Trumpf zu bieten: Ihr Neffe ist Polizist, sie schöpft also auch hier direkt aus der Quelle.

Was so volkstümlich daherkommt – seht her, ich bin ein Mensch wie du und ich! –, ist zu einer Unsitte geworden, die jedes politische Gespräch abtötet. Allgemeine Aussagen werden mit dem Verweis auf eigene Erfahrungen und subjektives Empfinden zurückgewiesen, was etwa so logisch ist wie der entrüstete Ausruf des Kunden zum Handwerker, der den Fernseher reparieren soll: „Gestern ging er doch noch!“

Warum fällt es so vielen so schwer, zwischen einer verallgemeinernden Aussage (Statistik und „kalte Zahlen“!) und persönlichen Erfahrungen zu unterscheiden?

Irreführende Authentizität

Der politische Journalismus pflegt die Verwechslung von Literatur und Politik schon lange. Beim Spiegel nennt man einen Artikel denn auch treffenderweise „Geschichte“. Eine Geschichte beginnt mit einem Einzelfall, der in der folgenden Beweisführung zum Exemplarischen hochgesampelt wird. Einzelschicksal und die Ich-Perspektive gelten als authentisch, was sie natürlich nicht sind. Ein subjektiv schweres Schicksal mag man bedauern, aber dass es fürs Ganze steht, müsste eine saubere Recherche erst beweisen.

Seit wann ist das Ich Maßstab des Politischen? Nicht erst seit Angela Merkel, doch auch hier ist sie unübertroffen. Im Streit über ihre Migrationspolitik, in dem es nicht nur um „humanitäre Gesten“, sondern auch um Angelegenheiten von allgemeiner Bedeutung ging wie etwa die Hoheit über die eigenen Grenzen, reduzierte sie das Problem auf die Frage, ob man in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen dürfe. Wenn nicht, „dann ist das nicht mein Land“.

Mit Verlaub: dann ist das nicht die Regierung, die ich mir wünsche. Mich interessiert die „Stimme des Herzens“ nicht, wenn es um Entscheidungen geht, die auf gravierende Weise die Allgemeinheit betreffen. A bisserl Verstand wäre mir lieber.

Was aber die Literatur betrifft: Nur ihr gehört das Subjektive, der unverstellte Blick aufs Einzelne, Einmalige. Sie sollte es vor politischem Missbrauch bewahren.