Morgengrauen

Das zerbrechlichste Gefühl

Gastkommentar / von Peter Strasser / 15.08.2016

Zunächst, in der Nacht, das Gefühl absoluter Verlassenheit. Alle haben sich von mir abgewandt. Nein, das reicht noch nicht. Wenn sich alle von dir abgewandt haben, kannst du versuchen, einen Menschen – den dir nächsten, dringlichsten – wieder für dich zu gewinnen. Das Gefühl absoluter Verlassenheit hingegen hat eine andere, schärfere Tönung. Dich hüllt die unumstößliche, bedingungslose Gewissheit ein, dass man dich endgültig vergessen hat. Aus den Augen, aus dem Sinn. Man wird nie mehr nach dir suchen, denn es hat dich nie gegeben.

Wie vielen, in Sterbezimmern, auf Schlachtfeldern, in der Wildnis oder mitten unter Millionen anderer, wurde dieses Schicksal zuteil! Dafür hatte selbst die griechische Tragödie nur vorläufige Worte. Ist es unsere Zeit, ist es der götterlose Himmel, ist es die längst blinde, taubstumme Gaia, die uns solche Träume träumen lässt? Auf die Frage „Was ist Erlösung?“ antworte ich nach solch einer Nacht ohne Zögern: Das Aufwachen hinein in den Tag, hin zu den traulichen Dingen, den kleinen Liturgien des Morgens; Frühstück für meine – wie ich mir schmeichle – mir liebevoll zugetane Hausgemeinschaft bereiten, die Orchideen auf dem Fensterbrett meiner Frühstücksecke begießen.

Derart nehme ich die Witterung eines anderen Gefühls auf: des Gefühls absoluter Geborgenheit. Die Häuslichkeit, Stifters Nachsommerglanz, bringt mich jenem Gefühl am nächsten: Häuslichkeitsgeborgenheit. Und dabei ist gerade sie am zerbrechlichsten.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).