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Debatte um das Burkaverbot: Der gesichtslose Mensch

Meinung / von Christian Bauer / 25.08.2016

Unsere Kultur erlaubt nackte gepiercte Bauchnabel in der Öffentlichkeit, stellt aber das muslimische Kopftuch in Frage. Die auf Freiheit bedachte öffentliche Ordnung wird dadurch kompromittiert.

Die politische Debatte um das Burkaverbot zur Terrorbekämpfung und Wahrung öffentlicher Sicherheit hat etwas Irritierendes an sich. Klar gab es auch schon Banküberfälle von Männern, die sich im Dezember als Sankt Nikolaus verkleidet haben. Doch das Sicherheitsrisiko, das von einer voll verschleierten Frau ausgeht, ist im Verhältnis zu gewaltbereiten, ideologisierten Männern, die sich unzählige Möglichkeiten zur Terrorisierung ausdenken, klein.

Anhaltende Diskussionen über das von Musliminnen getragene Kopftuch und die Gegenwart von religiösen Zeichen wie dem christlichen Kreuz im öffentlichen Raum weisen auf Grundlegenderes: Es stellt sich die Frage, wer über Symbole in der Öffentlichkeit entscheidet. Sie sind Erinnerungszeichen, die Werte und Sinndeutungen vor Augen führen und somit zur kollektiven Identität beitragen.

Symbole der Moderne

Die Moderne hat die religiösen Zeichen des Christentums mehr und mehr verdrängt und ihre eigenen Symbole zu Schau gestellt: Flaggen, Embleme an Kleidern, Uniformen usw. Auch Denkmäler wurden erstellt, vor allem politischer Art; sie haben an relevante gesellschaftliche Ereignisse oder Kämpfe erinnert.

Aber auch technische Fortschritte wurden durch Inszenierung vor Augen geführt. Alfred Escher auf dem Zürcher Bahnhofplatz oder die Gedenkstätten zur Wilhelm-Tell-Geschichte in der Zentralschweiz mögen als Beispiele genügen. Da die politischen Ideologien und Utopien aber an Kraft verloren haben, hat der zur Pseudoreligion avancierte Konsumismus begonnen, die öffentlichen Zeichen und Symbole zu setzen.

Es stellt sich die Frage, wer über Symbole in der Öffentlichkeit entscheidet.

Nicht nur die Gebäude von Banken und Konzernen sind spektakuläre Architektur geworden. Vor allem sind die Werbeanzeigen von großen Unternehmen und Marken Inszenierungen geworden, die nicht allein auf ein Produkt hinweisen. Gewisse Marken-Logos sind zu Heilszeichen mutiert, und Werbungen versprechen umfassendes Glück. So lässt eine Autowerbung den Mann nicht nur kraftvoll durch die Natur gleiten, sondern verheißt ihm auch eine glückliche Partnerschaft mit einer schönen Frau. Passanten an einem Bahnhof, der nicht in erster Linie ein Einkaufszentrum ist, werden von Sportfirmen, Kaffeemaschinen und der Modeindustrie unablässig angebettelt: „Kauf “ Dass zugleich randständigen Menschen das Betteln verboten ist, zeugt von einer inhumanen Kultur.

Doch kehren wir zum Menschen als Symbolträger zurück, denn die Zeichen am eigenen Leib sind von jeher jene, die dem Menschen am nächsten auf den Leib rücken. Sie lösen daher die emotional heftigsten Debatten aus: Im 16. Jahrhundert hat sich der Streit um die Reform des Karmeliterordens am Barfußgehen festgehakt, so dass die Fraktionen „beschuhte“ und „unbeschuhte“ Karmeliten genannt worden sind.

Das Tragen von Hosen durch Frauen war auch in unserer Gesellschaft vor einigen Jahrzehnten noch ein Tabubruch und ist in ultraorthodox-jüdischen Kreisen zum Beispiel bis heute eine Unmöglichkeit. Die langen Haare der Männer der Hippie-Bewegung in den 1960er Jahren waren ein schreiender Protest gegen die verbürgerlichte Kleinkariertheit ihrer Elterngeneration. Ausgesprochen kontrovers ist zudem durch alle Jahrhunderte hindurch die Beschneidung in Judentum und Islam, da sie den männlichen Körper an seiner empfindlichsten Stelle markiert.

Die langen Haare der Männer der Hippie-Bewegung in den 1960er Jahren waren ein schreiender Protest gegen die verbürgerlichte Kleinkariertheit ihrer Elterngeneration.

Verbissen heftig geht es bei der Auseinandersetzung um Kleidung, Haartracht und Körpergestaltung immer zu und her, obwohl sich aufreizend-zerschlissene Hosen, Hosen, die kaum mehr den Hintern decken, sondern lässig nach unten gezogen sind, und die Tätowierung in den letzten Jahren in unseren Breitengraden still und kontinuierlich ausgebreitet haben. Der Selbstinszenierung scheinen in einer individualistisch-egozentrischen Gesellschaft keine Grenzen gesetzt. Nur das Nacktwandern musste rechtlich eingegrenzt werden. Doch hat dies nie die Debatte ausgelöst wie sein Gegenstück, die Ganzkörperverhüllung.

Individuelle Inszenierungen

Religiöse Symbole und Zeichen sind nun einmal bedeutender als individuelle Inszenierungen. Die Nacktheit kann schließlich ökonomisch lukrativ ausgebeutet werden, doch die Religionen stellen die wirtschaftlich bestimmte Gesamtdeutung der Gesellschaft kritisch infrage und fordern sie heraus.

Dass sich die aufgeklärt-säkulare Welt kritisch mit Religion auseinandersetzt, hat sich seit dem 19. Jahrhundert als fruchtbar erwiesen. Die Symbolwelt und Zeichensprache des Christentums hat dadurch einen Wandel und eine Läuterung vollzogen, der viel Positives abzugewinnen ist. Gegen den kirchlichen Widerstand konnten sich menschliche und christliche Freiheiten durchsetzen.

Ein ähnlicher Prozess wird der Islam im Westen zu durchlaufen haben. Dabei helfen weder pauschale linksliberale Positionen, die jede religiös-islamische Ausdrucksform begrüßen, noch rechtskonservative, die alles Islamische als unvereinbar mit der europäischen Kultur verdammen. Solange nackte gepiercte Bauchnabel in der Öffentlichkeit zugelassen werden, gibt es keinen Grund, nicht auch das muslimische Kopftuch zuzulassen, will man die auf Individualität und Freiheit bedachte öffentliche Ordnung nicht kompromittieren.

Die Burka und Ganzverhüllung einer Frau in der Öffentlichkeit abzulehnen, kann aber durchaus einen Sinn ergeben, denn die Demokratie baut auf Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen.

Die Burka und Ganzverhüllung einer Frau in der Öffentlichkeit abzulehnen, kann aber durchaus einen Sinn ergeben, denn die Demokratie baut auf Bürgerinnen und Bürger, die Verantwortung für das Gemeinwesen übernehmen. Sie treten in den Diskurs über die Aushandlung kollektiver Werte und Normen ein. Dafür muss der Mensch aus der Anonymität treten.

Auch anonyme Telefonanrufe, E-Mails und Briefe sind im Grunde demokratieverletzend. Dass der Mensch sein Angesicht zeigt, dabei Verantwortung übernimmt und ansprechbar wird, seine Würde erhält und zu seiner Verletzlichkeit steht, ist ein Grundwert säkularer Kultur: keine Zivilgesellschaft ohne identifizierbare Personen.

Wert des Humanismus

Der unveräußerliche Wert des Humanismus geht zutiefst aus der biblischen Tradition hervor, in der das Schauen von Angesicht zu Angesicht Ausdruck der Fülle des Lebens ist und auf dem Antlitz auch das Göttliche erscheint. Der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas hat zudem vom Antlitz als dem „nacktesten Teil“ des Menschen gesprochen, aus dem der grundlegendste ethische Imperativ spricht: „Bitte bring mich nicht um!“

Der gesichtslose Mensch wird zur Projektionsfläche. Ohne angeblickt zu werden und ohne Ansehen verkümmert der Mensch. Burka Nein und Kopftuch Ja stellte eine differenzierte Position dar, die gesellschaftlich und religiös vertretbar ist, auch wenn man aus politischem Kalkül Vorlagen zustimmt, die dies fordern. Bei der Wahrung von Religionsfreiheit, die auch für den Islam gelten muss, muss vor allem abgewogen werden, wie wesentlich die Gesamtverhüllung für die muslimische Identität ist. Dass muslimischer Glaube in voller Integrität ohne Burka gelebt werden kann, beweisen Millionen von Muslimen.

Der gesichtslose Mensch wird zur Projektionsfläche. Ohne angeblickt zu werden und ohne Ansehen verkümmert der Mensch.

Eine kritische Auseinandersetzung über Auftreten und Verhalten in der Öffentlichkeit tut unserer Gesellschaft auf jeden Fall gut. Die säkular-liberale Haltung kann die Diskussion um Kopftuch und Burka aber nur für sich selber fruchtbar machen, wenn sie begreift, dass Religionen – auch der Islam – nicht nur ein Problem darstellen, sondern konstruktiv-kritische Diskussionspartner sind. Denn nicht nur visuelle Verhüllung, sondern auch die auditive Abschottung durch Kopfhörer stellt ein Problem für den Zusammenhalt in der Gesellschaft dar. Der Verwahrlosung der gesellschaftlichen Kommunikation gilt es nicht nur im digitalen Raum Einhalt zu gebieten.

Eine Welt, in der die Menschen einander nur noch anschweigen und im besten Fall einander die Abfälle achtlos zuwerfen oder sie liegenlassen, kann vom Islam und auch von anderen religiösen Traditionen einiges lernen.

Christian Rutishauser ist Provinzial der Schweizer Jesuiten.