pd

Karl Dietrich Bracher

Demokratie als Lebensform

von christoph haid / 22.09.2016

Er war eine der intellektuellen Gründungsfiguren der westdeutschen Bundesrepublik: Der Politikwissenschafter und Zeithistoriker Karl Dietrich Bracher ist 94-jährig in Bonn gestorben.

Im Zeitalter stromlinienförmiger akademischer Lebensläufe ist ein Werdegang wie der des 1922 in Stuttgart geborenen Karl Dietrich Bracher kaum noch vorstellbar. Als Soldat in Rommels Afrikakorps in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten, baute Bracher eine Lagerschule mit auf, deren Studiengänge von der University of Kansas offiziell anerkannt wurden. In das vom Krieg zerstörte Deutschland zurückgekehrt, konnte er daher bereits 1948 in Tübingen als Althistoriker promoviert werden. In den fünfziger Jahren war er eine der Gründerfiguren der Politikwissenschaft, zunächst an der Deutschen Hochschule für Politik und der Freien Universität in Westberlin, ab 1959 als frisch berufener Ordinarius an der Universität Bonn, der er bis zu seiner Emeritierung 1987 treu blieb.

„Moderner Altliberaler“

Die enge Verflechtung mit der Geschichte der „alten“ Bundesrepublik verleiht seiner wissenschaftlichen Laufbahn etwas Paradigmatisches. Bracher war nie blosser Zuschauer, sondern wirkte auf der Grundlage eines Fundaments an Werten und politischen Überzeugungen stets auch öffentlich, ohne im engeren Sinne parteipolitisch aktiv zu sein. Als „modernen Altliberalen“ hat ihn der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt, der oft auf seinen Rat zählte, einmal charakterisiert.

Dass die Politikwissenschaft vor allem als Demokratiewissenschaft zu verstehen sei, war der Grundsatz, der Brachers Schaffen prägte. Das wurde schon in seinem frühen Meisterwerk, „Die Auflösung der Weimarer Republik“ von 1955, deutlich. Diese Pionierarbeit empirischer Macht- und Strukturanalyse verwies zugleich auf die politisch-moralische Selbstverpflichtung ihres Autors. Die Studie zum Problem des Machtzerfalls in der Demokratie wollte ein Beitrag zur Totalitarismus- und Demokratieforschung sein und aus der Geschichte Lehren für die junge Bonner Republik ziehen. Ein System institutioneller „checks and balances“ nach angloamerikanischem Muster war Brachers Überzeugung nach die beste Lebensversicherung für eine Demokratie.

Doch blieb der Autor keineswegs bei diesem funktionalistischen Verständnis stehen. Was Bracher einmal über den ersten Bonner Bundespräsidenten, Theodor Heuss, schrieb, dass nämlich dessen Vermächtnis „die lebendige Demokratie nicht nur als Institution, sondern als Lebensform“ sei, trifft auch auf ihn selbst zu. Grosse Skepsis hegte er gegenüber den Ideen eines „dritten Weges“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Dem mit dem Jahr 1968 verbundenen Aufruhr unter der Studentenschaft stand er daher ebenfalls kritisch gegenüber. Was lange Zeit als konservative Beharrung wahrgenommen wurde, erscheint aus dem Abstand von bald fünf Jahrzehnten in einem anderen Licht, wird doch zunehmend erkennbar, dass nicht nur die Bonner Republik, sondern auch die gegen sie mit vielen guten Gründen rebellierende Studentenbewegung der Erblast der Jahre 1933 bis 1945 keineswegs einfach entkommen war. Brachers Überlegungen zur „postnationalen Identität“ Deutschlands im Zeichen des europäischen Einigungsprozesses sind auch vor diesem Hintergrund zu verstehen.

Die vielen Bücher und Aufsätze Brachers über die Weimarer Republik und den NS-Staat – am wichtigsten vielleicht „Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus“ (1969) – sind von seinem strukturalistischen Ansatz getragen. Auf den von „Polyzentrizität“ und unzähligen internen Machtkämpfen bestimmten Charakter der NS-Herrschaft hatte der Historiker schon früh hingewiesen. Mit der daraus von Kollegen wie Hans Mommsen abgeleiteten Interpretation, Hitler sei ein „schwacher“ Diktator gewesen und die Verbrechen der Nazizeit seien das Ergebnis quasi-anonymer Prozesse, konnte er freilich wenig anfangen. Darin sah er die Gefahr der Abstrahierung von den Akteuren und einer – wenn auch ungewollten – Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Intellektuelle Gründungsfigur

Seine enorme Wirkung entfaltete Bracher nicht nur durch seine intellektuelle Brillanz, sondern auch durch eine intensive Gremientätigkeit. Ab 1962 war er beispielsweise im wissenschaftlichen Beirat des Münchner Instituts für Zeitgeschichte tätig, 1978 bis 2007 Mitherausgeber der „Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte“, der bis heute wohl bedeutendsten deutschen Fachzeitschrift der Zeitgeschichtsforschung. Mit Karl Dietrich Bracher ist am 19. September eine weitere intellektuelle Gründungsfigur der Bundesrepublik Deutschland verstorben. Seine auf politische Strukturen und Institutionen fokussierte Geschichtsschreibung mag heute manchen auf den ersten Blick behäbig erscheinen, doch verweisen viele der gegenwärtigen Entwicklungen auf die grosse Bedeutung, die eine Beschäftigung mit der Handlungsfähigkeit demokratischer Systeme in Krisenzeiten auch weiterhin haben wird.