Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Den Tag vor dem Abend loben!

Gastkommentar / von Peter Strasser / 23.12.2015

Heute bin ich wieder einmal beim Läuten der Kirchenglocken aufgewacht.

Gleich ist Weihnachten. Da musste ich an den prekären Kollegen aus einem der Orchideenfächer unserer Exzellenzuniversität denken, der, kaum wird er meiner ansichtig, mich mit seinem Orchideenfächerschwäche-Mantra konfrontiert: „Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben!“

Ich hingegen bin der Ansicht, besonders beim Läuten der Kirchenglocken: Man soll den Tag vor dem Abend loben! Unbedingt. Ich will mir selbst keine Morgenpredigt halten, aber ein Tag, der nicht bereits vor dem Abend gelobt wird, ist ein aus der Schöpfung gefallener Tag.

So ein heilloser Tag besteht aus einem Haufen sinnlos durcheinandergewürfelter Fakten. Und stellt sich dann, zwischen den verstreuten Wechselfällen des Lebens, ein sogenannter Glücksfall ein, so ist es doch nur ein Zufallsglücksfall; nichts, was aus dem Geist des Ganzen geboren wäre.

Während ich das Frühstück bereite, entschließe ich mich, die vor der Türe liegenden Zeitungen nicht hereinzuholen, ihre Druckerschwärze nicht bei mir einzulassen. Ja, ich werde auch diesen Tag, an dem die Glocken voll Erwartung läuten, vor dem Abend loben. Unbedingt. Ich bin ein Geschöpf, zugelassen zur Schöpfung samt meinen soeben fertiggebackenen Frühstückskipferln

Außerdem: Die Winterorchideen auf meinem Fensterbrett stehen in voller Blüte, von Orchideenfächerschwäche keine Spur. Guten Morgen, Frühstückskipferlabendland, du bist dabei, wieder einmal neu zu werden!

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.