Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Der 22. Jänner 2016

Gastkommentar / von Peter Strasser / 22.01.2016

Unsere Regierung hat beschlossen, dass wir in diesem Jahr 37.500 Asylsuchende aufnehmen, nicht mehr und nicht weniger.

Ich las diese Zahl vorgestern, während ich im Warmen saß, bei einer Tasse Darjeeling, First Flush, mit Blick auf die ersten Märzenbecher aus einem holländischen Glashaus, in einer Vase mit chinesischen Mustern, gefertigt in Bangladesch, Frühlingsboten mitten im Winter.

Als ich so dasaß, die Welt bei mir zu Hause, fragte ich mich: „Und was ist mit dem Siebenunddreißigtausendfünfhundertundeinten?“ Gestern, in meiner Vorlesung zur Ethik, diskutierte ich mit meinen Studenten (davon zwei Drittel Studentinnen) die Frage des Siebenunddreißigtausendfünfhundertundeinten. Bedenken hin, Bedenken her. Am Schluss kam heraus: ein Toter.

Wir lassen ihn nicht herein, und die, die ihn schon bei sich hereingelassen haben, sind ihrer Menschenpflicht nur unter der Voraussetzung nachgekommen, dass wir ihn bei uns hereinlassen werden. Wir lassen ihn aber nicht herein. Fazit: 1 Toter, im Niemandsstreifen zwischen zwei Ländern verstorben oder auf der Schwelle mit Wasserwerfern zur Eissäule gehärtet oder mit gebrochenem Herzen liegengeblieben oder …

Heute, beim Frühstück, lese ich im Gedicht von Georg Trakl die Zeile: „Schmerz versteinerte die Schwelle.“ Und dann lese ich: „Da erglänzt in reiner Helle / Auf dem Tische Brot und Wein.“ Das Gedicht heißt Ein Winterabend, es ist die 2. Fassung (man soll in solchen Dingen genau sein), wir schreiben den 22. Jänner 2016.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.