Morgengrauen

Der abwesende Handygott

Gastkommentar / von Peter Strasser / 07.05.2016

Schon um 7 Uhr 30 ist mein Posteingang zugemüllt mit Botschaften, auf die ich gut und gerne hätte verzichten können. Ich hätte natürlich auch darauf verzichten können, mein E-Mail-Programm zu öffnen, um erst gar nicht festzustellen, dass mein Posteingang schon um 7 Uhr 30 zugemüllt ist. Hätte, hätte …

Früher war das alles anders, nämlich besser, oder auch nicht, man soll sich bloß auf nichts festlegen, heute, im Zeitalter der Posthistoire. Weilte beispielsweise der eine, einzige Mensch, von dem man unbedingt sofort einige hauchzarte Worte erhalten musste, ansonsten man an Herzeleid sterben würde, gerade irgendwo im postalisch unzuverlässigen Ausland, sagen wir in Caorle an der oberen Adria, dann konnte es vorkommen, dass man tagelang warten musste auf den einen, einzigen Brief, der, wenn es hoch herging, sogar ein wenig parfümiert war. Heute würde man auf seinem Smartphone die Favoritendatei anklicken, unter „Schatzi“, „Herzi“ oder „Bärli“, oder man würde simsen oder mailen oder sonst was elektronisch in Bewegung setzen, unter üppiger Verwendung geeigneter Emoticons – und natürlich wäre dann die ganze Romantik futsch.

Gerade höre ich im Radio die überkonfessionellen Gedanken zum Tag: Eine einschmeichelnde weibliche Stimme sagt, dass Gott uns liebt und wir immer in seinem Herzen sind, auch wenn er sich bei uns nicht am Handy meldet. So werden die altmodischen Liebesgeschichten von einst zu einem zeitgemäßen Metaphysikum, und dabei verdirbt beides gründlich. Ach.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).