Morgengrauen

Der allerwichtigste Termin

Gastkommentar / von Peter Strasser / 24.07.2016

Verschlafen! Ein Gedanke wie ein elektrischer Schlag, der meine Beine in Bewegung setzt. Meine Beine setzen sich in Bewegung, noch bevor mein Körper weiß, wie ihm geschieht. Heute kann natürlich keine Rede davon sein, dass ich auch nur die geringste Chance hätte, statt mit dem falschen mit dem richtigen Fuß aufzustehen. Verschlafen, und zwar gründlich!

Die Sonne blinzelt zwischen den Jalousien durch. Ich weiß nicht, was ich zuerst tun soll: meine Frau wachrütteln, ein Notfrühstück machen oder gleich ins Badezimmer rennen. Da fällt mir ein, dass ich gar keinen Morgentermin habe, den ich versäumen könnte. Und meine ungerührt schlafende Frau offenbar auch nicht. Beruhigt mich das etwa? Sinke ich erleichtert ins Bett zurück? Keine Spur! Denn nun werde ich von dem Gedanken gebeutelt, „den Tag verschlafen“, also etwas getan zu haben, was auf gar keinen Fall sein durfte. So hatte man es mir in meinen Kindertagen eingebläut und so musste es daher sein.

Plötzlich bemerke ich, dass meine Nachttischuhr stehengeblieben ist, ich öffne die Jalousien einen Spalt und sehe, dass der Kabinenscheinwerfer eines in der Nacht aufgebauten Krans direkt in unser Fenster leuchtet. Rundherum ist alles schwarz. Noch steht die Nacht um unser Haus. Ich könnte mich wieder ins Bett legen, bleibe aber wach. Hellwach. Bei dem Gedanken, „den Tag nicht zu verschlafen“, komme ich mir vor wie einer, der den allerwichtigsten Termin seines Lebens einhalten muss – absurd und doch unter uns Sterblichen irgendwie grundvernünftig, oder?

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).