Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Der Anfang, der nie enden wird

Gastkommentar / von Peter Strasser / 28.01.2016

Leider, ich bin ein Bildungsfossil. Meine Studenten (davon zwei Drittel Studentinnen) können mit dem Satz, den man uns Schülern sogar am realistischen Gymnasium einhämmerte, nichts mehr anfangen: „Griechenland ist die Wiege des Abendlandes.“

Griechenland ist meinen Studenten (a) ein Touristenort, an dem man sich unter Millionen uralter Tonscherben langweilt, es sei denn, man vergnügt sich an hippen Sirtaki-Stränden bei Ouzo-Partys; darüber hinaus ist Griechenland (b) ein Milliardeneurohilfsgelder-Fass-ohne-Boden, das (c) nicht in der Lage ist, seine Außengrenzen vor der Flüchtlingsflut wirksam zu schützen.

Daran muss ich heute Morgen denken, als ich unter „Griechenland News“ keine Katastrophenmeldungen, gepostet „vor 60 Minuten“, ausgoogeln kann. 1 Stunde lang keine griechische Katastrophe! Das ist doch ein bedenkliches Zeichen, oder? Verschwindet Griechenland? Löst es sich in Luft auf, so, wie sich das Abendland schon längst aufgelöst hat …?

Und dabei begann alles so verheißungsvoll. Der eine vorsokratische Weltweise, Heraklit, lehrte: „Alles fließt.“ Und der andere vorsokratische Weise, Parmenides, lehrte: „Nichts bewegt sich.“ Das war die Geburtsstunde des Abendlandes: Alles fließt und nichts bewegt sich.

Ich beobachte das Milchhäutchen auf meinem erkaltenden Morgenkaffee, wie es reglos daliegt und dabei – hast du’s nicht gesehen! – gelb und runzelig wird. Eben: Nichts bewegt sich und alles fließt. Kein Zweifel, Griechenland war ein Anfang, der nie enden wird.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.