Morgengrauen

Der auftrumpfend Glückliche

Gastkommentar / von Peter Strasser / 27.08.2016

Notizen für meine Ethikvorlesung heute: Nichts gegen das Glück der glücklichen Schweine! Ihnen hat der große Liberale John Stuart Mill Unrecht getan, wenn er ihr Glück als „niedrig“ bezeichnete und diesem das geistige Glück des ewig unzufriedenen Sokrates gegenüberstellte.

Das Glück der Schweine, die nicht ohnehin in ihren Pferchen schreckliche Qualen leiden, ist unschuldig. Schweinisch hingegen ist das Glück des hochgeistigen Sokrates, wenn er mit seinen Jünglingen, die noch kein Bartflaum ziert, zusammenliegt. Aber sei’s drum, andere Zeiten, andere Sitten, nicht wahr?

Es gibt indessen das Glück des gleichsam auftrumpfend Glücklichen. Er macht am Morgen die Augen auf und denkt: „Wieder ein Tag, der nicht umsonst gewesen sein wird“, weil er, der Glückliche, ihn mit seiner Anwesenheit beehrt. Einfach glücklich, das ist seine Bescheidenheitsformel angesichts des Elends rundum. Er wird sich auch weiterhin nicht lumpen lassen. Er verlängert seine drei Daueraufträge für drei karitative Organisationen, deren Namen er im Moment vergessen hat. Egal. Sein Glück trägt dazu bei, dass unsere Welt „die beste aller möglichen Welten“ sei (wie Leibniz es formulierte), nicht wahr?

Heute, in meiner Ethikvorlesung, werde ich den auftrumpfend Glücklichen abkanzeln. Zwar macht mich mein revanchistischer Gedanke nicht glücklich; doch er macht mir den trüben Morgen leichter, an dem ich wie immer mit dem falschen Fuß ins Leben hinein aufgestanden bin.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).