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Jörg Baberowski

Der Desillusionist

von Bernhard Schinwald / 06.04.2016

Der Berliner Historiker Jörg Baberowski hat sich umfassend mit dem Phänomen Gewalt auseinandergesetzt. Das macht seine Beobachtungen des Tagesgeschehens besonders interessant.

Vermutlich mehr als in den meisten anderen Ländern wird der öffentliche Diskurs in Deutschland von Moralvorstellungen und der einfachen Frage von Gut oder Böse falsch geführt. Dass ein solches intellektuelles Umfeld förmlich nach konträren Meinungen schreit, die allseits lieb gewonnene Gewissheiten in Zweifel ziehen, ist nur eine natürliche Folge. Unter jenen Menschen, die sich dieser Aufgabe verpflichtet sehen, gilt es allerdings zu unterscheiden: Es gibt die Polemiker, die darin nichts als einen Selbstzweck sehen. Es gibt aber auch Intellektuelle, die aus einer konsistenten tiefgreifenden Analyse und einem soliden Gedankengebäude zu ihrer Haltung kommen.

Gewalt als menschliche Handlungsressource

Der Berliner Historiker Jörg Baberowski gehört zu letzterer Gruppe. Der Professor für osteuropäische Geschichte an der Humboldt-Universität widmete seine vergangenen Forschungsjahre dem Stalinismus und den Verbrechen unter der Sowjetherrschaft. Seine Bücher Der rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus (2003)  und Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt (2012), fanden weite Beachtung. Letzteres wurde sogar mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet. Aus dieser Arbeit folgte eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Gewalt. Eine Arbeit, die er mit seinem jüngsten Buch abschließt.

In Räume der Gewalt setzt sich Baberowski mit Situationen auseinander, in denen Menschen mit Gewalt konfrontiert sind. Er wehrt sich darin gegen die gängige Annahme, die Gewalt sei gewissermaßen nur eine Fehlfunktion, derer sich die Menschheit entledigen kann, wenn sie nur hinreichend zivilisiert ist – also ein bestimmtes Maß an Bildung und Wertefestigkeit aufweisen kann.

Gewalt ist aus seiner Sicht ebenso eine menschliche Handlungsressource, wie es auch die Liebe, die Empathie oder der Sexualtrieb sind. Ihre Anwendung sei weder eine Frage des Zivilisationsgrades der Menschen noch eine von Ideologie getriebene Vorstellung. Der Einsatz von Gewalt sei vielmehr eine der jeweiligen Umstände und auch der Möglichkeiten.

Irregeführtes Verständnis

Baberowski untersucht den Umgang mit Gewalt in Extremsituationen, wie in Kriegen oder zerfallenden Staaten. Motivationen, die zum Einsatz von Gewalt führen, findet er in existenziellen Notlagen, in denen Menschen ums Überleben kämpfen, oder in der Folgenlosigkeit, in der Gewalt nicht bestraft wird, oder im Konformismus, wenn etwa der Einsatz von Gewalt eher die Norm als die Ausnahme darstellt, oder schlicht im Gehorsam gegenüber Autoritäten. Ideologien dienen der Gewalt höchstens als Rechtfertigung oder dem gegenseitigen Schutz innerhalb einer Gruppe, nicht aber als Motivation.

Im rechtsstaatlich verfassten Deutschland des Jahres 2016, in dem der Staat über das Gewaltmonopol verfügt, führt der Einsatz von Gewalt zur Verschlechterung der Situation für die Menschen, die sie einsetzen. Selbst in Situationen, in denen sich die Bürger Gewalt ausgesetzt sehen, setzen sie sich vernünftigerweise damit zur Wehr, indem sie ihren Schutz an das Gewaltmonopol delegierten – was in den meisten Fällen konkret bedeutet, dass sie die Polizei rufen.

Wer allerdings in einem Bürgerkriegsland jeden Tag um sein Überleben kämpfen muss und auf niemandes Schutz zählen kann, den wird die beste Bildung und das solideste Wertgebäude nicht vor dem Tod bewahren; der wird nicht ohne den Einsatz von Gewalt auskommen können.

Menschen, die in ihrem Leben keine anderen als diese rechtsstaatlichen Verhältnisse gekannt haben und nie Gewalt anwenden müssen, haben laut Baberowski nur selten ein Verständnis von Gewalt. In der allgemeinen Auffassung wird die Anwendung von Gewalt dadurch als Anomalie und „Betriebsunfall“ verkannt und Ideologien oder andere Rechtfertigungen von Tätern als Erklärungsansätze herangezogen, vor denen wiederum nur ein hinreichendes Maß an Bildung und den richtigen Werten schützen.

Realistischer Blick

Baberowski wehrt sich gegen derartig einfache Lösungen und die moralische Überlegenheit, die darin mitschwingt. Friede und Wohlstand, so argumentiert er, mache Menschen naiv. Eine nüchterne Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und den Motivationen hinter der Gewalt hingegen führe zu einem Realismus und schützt vor Illusionen.

Dieser Realismus prägt konsequenterweise auch Baberowskis Beobachtung des politischen Tagesgeschehens.

Die Eskalation der Ukraine-Krise ist für ihn der eindrücklichste Beweis, dass die europäischen Entscheidungsträger, die für die russische Aggression weder eine Erklärung noch eine Antwort hatten, kein Gefühl mehr für Gewalt haben. Den Terroristen wird seiner Meinung nach nicht der Garaus gemacht, indem man sie im Nahen Osten bombardiert, sondern sie im eigenen Land bestmöglich bekämpft.

Als die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel im September vergangenen Jahres die Grenzen für hunderttausende Flüchtlinge öffnete, war Baberowski einer der Ersten, die vor der ungesteuerten Einwanderung warnte und eine restriktivere Asylpolitik forderte. Im „Reich der Tugendwächter“ ein tollkühnes Unterfangen.

Für Einschätzungen dieser Art erntet Jörg Baberowski stets die Kritik der „Tugendwächter“. Sie sehen in seinen Analysen eine Verachtung jener Werte, die sich Deutschland und Europa in einer langen Geschichte erkämpft haben. Dabei zeigt Baberowski mit den Erkenntnissen aus seiner Beschäftigung mit der Gewalt wie kaum ein anderer die welthistorische Ausnahmesituation und den Glücksfall, den das Leben im Deutschland und Europa des Jahres 2016 tatsächlich darstellt.

 

Jörg Baberowski diskutiert die „Räume der Gewalt“ am Donnerstag, den 7. April mit den Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann und Katharina Lacina beim NZZ.at-Clubabend in der Wiener Bräunerstraße. Hier geht’s zur Anmeldung und weiteren Details zur Veranstaltung.