Morgengrauen

Der Duft des Zuhause

Gastkommentar / von Peter Strasser / 01.08.2016

Aus nichtigem Anlass – ein flüchtiger, morgenkühler Luftzug durchs Fenster – hatte mich gestern Abend eine Woge des Fernwehs durchflutet und weggetragen. Und dabei kam mir überhaupt kein bestimmtes Bild in den Sinn, es war kein Postkartenfernweh. Das Fragment einer Bertold-Brecht’schen Gedichtzeile ging mir durch den Kopf: Wohin, ihr? Nirgendhin … Was mich durchdrang, war die Seligkeit des „Nirgendhin“, die einherging mit dem Gefühl, alle Beschwernisse des alten Lebens und alle Fährnisse des nächsten Tages hinter mir gelassen zu haben.

Heute Nacht dann bunte Schatten, aus denen Gerüche strömten: die Aromen des Meeres, der Wüste; der knorrige Duft alter Olivenhaine … Es waren nicht gar so viele, ich bin kein großer Reisender. Und jetzt, am Morgen, haben sich die bunten Schatten der Nacht, die mit aromatischer Unbestimmtheit lockten, in eine ziellose Erwartung aufgelöst. Erst in diesem Moment erfasste ich die Bedeutung der Welle, die mich wegtrug – „Nirgendhin“. Es war die älteste, wildeste Sehnsucht, die Paradieses-Sehnsucht.

Rasch öffne ich das Fenster, um mein Gefühl zu beleben, doch nun kommt mir der Duft des gerade durchrinnenden Filterkaffees dazwischen. Und nun scheint mir auch – und nicht zum ersten Mal –, die rechte Art, mein wildes Fernweh zu kultivieren, bestehe darin, aus ihm den Duft des Zuhause herauszuschnuppern. Ist das Existenzialkitsch? Egal. Das Paradies ist hier, bei meinen Frühstücksbrötchen im Backrohr (60 Grad, Umluft, 5 bis 6 Minuten), oder es ist gar nicht.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zwei neue erschienen dieser Tage: „Achtung Achtsamkeit!“ (Braumüller Verlag) sowie „Von Göttern und Zombies: Die Sehnsucht nach Lebendigkeit“ (Wilhelm Fink Verlag).