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Randnotiz

Der Echtzeit-Putsch

Meinung / von Georg Renner / 16.07.2016

Stell dir vor, es ist Bürgerkrieg, und keiner weiß was davon.

Das ist keine so absurde Annahme, wie man auf den ersten Blick vermuten möchte. Nie ist das besser illustriert worden als von Stefan Zweig, der in seiner (immer wieder lesenswerten) „Welt von Gestern“ seine (Nicht-)Erinnerung an die Februarkämpfe 1934 aufgezeichnet hat:

Ich war in diesen drei Tagen in Wien und somit Zeuge dieses Entscheidungskampfes und damit des Selbstmords der österreichischen Unabhängigkeit. Aber da ich ehrlicher Zeuge sein will, muß ich das zunächst paradox scheinende Faktum bekennen, daß ich von dieser Revolution selbst nicht das mindeste gesehen habe. Wer sich vorgesetzt hat, ein möglichst ehrliches und anschauliches Bild seiner Zeit zu geben, muß auch den Mut haben, romantische Vorstellungen zu enttäuschen. Und nichts scheint mir charakteristischer für die Technik und Eigenart moderner Revolutionen, als daß sie sich im Riesenraum einer modernen Großstadt eigentlich nur an ganz wenigen Stellen abspielen und darum für die meisten Einwohner völlig unsichtbar bleiben.
So sonderbar es scheinen mag: ich war an diesen historischen Februartagen 1934 in Wien und habe nichts gesehen von diesen entscheidenden Ereignissen, die sich in Wien abspielten, und nichts, auch nicht das mindeste davon gewußt, während sie geschahen. Es wurde mit Kanonen geschossen, es wurden Häuser besetzt, es wurden Hunderte von Leichen weggetragen – ich habe nicht eine einzige gesehen. Jeder Leser der Zeitung in New York, in London, in Paris hatte bessere Kenntnis von dem, was wirklich vor sich ging, als wir, die wir doch scheinbar Zeugen waren. Und dieses erstaunliche Phänomen, daß man in unserer Zeit zehn Straßen weit von Entscheidungen weniger weiß als die Menschen in einer Entfernung von Tausenden Kilometern, habe ich dann später immer und immer wieder bestätigt gefunden.

„Die Welt von Gestern“, Kapitel 17, „Incipit Hitler“

Mehr noch als in jeder kriegerischen Auseinandersetzung geht es in einem Putsch um die Kontrolle von Information: Wo ist die Regierung? Steht wirklich das ganze Militär hinter den Aufständischen? Sind es ein paar Dutzend Soldaten auf den Straßen oder zehntausende? Und zahlt es sich konsequenterweise aus, für die eine Seite auf die Straße zu gehen – oder ist alles längst gelaufen? Ein Putsch ist am Ende erst dann erfolgreich, wenn alle glauben, dass er erfolgreich ist.

Es ist ja kein Zufall, dass unter den wichtigsten ersten Zielen praktisch jedes Putsches, jedes Aufstandes stets die wichtigsten Rundfunkstationen des Landes waren – jener in der Türkei heute Nacht war da keine Ausnahme: Einer der ersten Brennpunkte des Konflikts war das Gebäude des öffentlich-rechtlichen Senders TRT, wo die Putschisten eine Sprecherin ihre Stellungnahme verlesen ließen, dass ihr „Rat für den Frieden im Land“ die Macht übernommen habe.

Bloß: Geändert hat das wenig. Die Informationen flossen weiter, andere TV-Sender – allen voran die später ebenfalls besetzte CNN-Niederlassung in der Türkei – und, mehr noch, unzählige Menschen über ihre Social-Media-Accounts verbreiteten weiterhin Informationen aus den Städten und dem ganzen Land. Der staatliche, von den Putschisten gekaperte Sender war nur eine Stimme unter vielen, aus denen sich Beobachter in der Türkei und der ganzen Welt in Echtzeit ein Bild machen konnten.

Der Gipfel dieser Entwicklung: Das geschichtsträchtige Bild von Präsident Erdoğan, der CNN per Apple-Face Time ein Smartphone-Interview gab und seine Anhänger zum Widerstand gegen die Aufständischen aufrief – was sich via Social Media mit enormer Geschwindigkeit verbreitete. (Die Ironie, dass just Erdoğan, der Twitter in Krisensituationen mehrfach sperren ließ, nun davon profitiert hat, sollte als Randnotiz nicht unvergessen bleiben.)


Credits: Reuters

Jetzt wird es Wochen oder Monate dauern, bis wir – wenn überhaupt jemals – ein klares Bild haben, wie und woran dieser Putschversuch tatsächlich gescheitert ist. Aber man kann die These in den Raum stellen, dass es ohne die rasante Verbreitung der Informationen im Land – zeitweilig forderten sogar die Lautsprecher an Moscheen die Menschen auf, auf die Straßen zu gehen – nicht den breiten Widerstand der Straße gegen die Militärs gegeben hätte, der zu seinem Scheitern  beigetragen hat.

Es ist generell müßig, „Was wäre, wenn …“-Überlegungen anzustellen – aber es drängt sich doch ein Szenario auf, in dem diese alternativen Kanäle nicht zur Verfügung stehen, in dem die Putschisten nach Besetzung des staatlichen Rundfunks und Blockade der AKP-Zentrale unwidersprochen bleiben – und in der der Putsch dann mangels Widerstands als erfolgreich durchgeht.

Nein, wie so viele andere Bereiche auch haben die neuen Medien, die dezentrale Massenkommunikation, auch die Dynamik des Putsches für immer verändert, das ist in der vergangenen Nacht offensichtlich geworden – die langfristigen Folgen lassen sich nicht abschätzen, aber eins lässt sich wohl jetzt schon sagen: Das bloße Ausschalten des Staatsfernsehens wird in Zukunft nirgends mehr für eine Machtübernahme reichen.