Der eine, der sich traute

von Yvonne Widler / 16.02.2015

Er ist der einzige der 25 Bioethiker der Kommission, der sich für die Liberalisierung der Tötung auf Verlangen ausgesprochen hat. Sein Name ist Peter Kampits und er ist Philosoph. Wir haben ihn besucht.

 

Dass die Beihilfe zum Suizid entkriminalisiert werden soll, darüber war sich die Mehrheit der Bioethikkommissioin einig. Doch einer wollte mehr. „Es gibt Fälle, in denen der Betroffene nicht mehr in der Lage ist, sich das letale Mittel selbst zuzuführen. Hier gerät der Arzt oder die betreffende Person in ein zusätzliches Gewissensdilemma“, so Peter Kampits. Der österreichische Gesetzgeber sieht im Falle einer solchen Tötung auf Verlangen derzeit eine Bestrafung von bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug vor. Geht es nach Kampits, sollte dies geändert werden, und der Gesetzgeber die Möglichkeit einräumen, in beiden Fällen von einer Strafverfolgung abzusehen. „Mir ist allerdings durchaus bewusst, dass solche Forderungen zurzeit sehr schwer erfüllbar sind.“

Fließende Grenze

Kampits befürwortet eine Abkehr von starren Prinzipien und rigorosen Grundsätzen in der Ethik und plädiert für das, was man eine situationsbezogene, konkrete Ethik nennen könnte. Für ihn ist die Grenze zwischen Beihilfe zum Suizid und Tötung auf Verlangen fließend, da auch die Grenze zwischen Tun und Unterlassen in ethischem Sinn fließend sei. Assistierter Suizid wäre Beihilfe eines Arztes oder eines nahestehenden Menschen im Zurverfügungstellen eines zum Tod führenden Mittels, welches der Betroffene selbst einnimmt. Hierdurch bleibt die Tatherrschaft beim Patienten und wird nicht auf den Helfer übertragen. Eine solche Vorgehensweise fällt derzeit unter das Strafgesetz, auch wenn es sich um eine schwere, unheilbare, mit unerträglichem Leiden verbundene Krankheit handelt – hält sich der Bundeskanzler an die aktuelle Empfehlung, könnte sich das jedoch ändern.

„Ich bin ich jemand, der hinsichtlich der Tötung auf Verlangen unter bestimmten Umständen durchaus für eine Entkriminalisierung eintritt.“ Kampits hält es mit dem Schweizer Theologen Hans Küng:

Es wäre unverständlich, wenn Gott, der dem Menschen die Freiheit über sein Leben gegeben hat, diese Freiheit beim Sterben entziehen würde.

Hier ginge es nicht nur um eine Abwägung zwischen Lebensschutz und dem Recht auf Selbstbestimmung, sondern auch um einen Mittelweg zwischen ethischem Rigorismus und einem barmherzigen Eingehen auf die individuelle Situation. In diesem Zusammenhang könne auf Regelungen in anderen europäischen Ländern verwiesen werden, beispielsweise wird in den Benelux-Staaten unter bestimmten Bedingungen die „Tötung auf Verlangen“ straffrei gestellt. „Das heißt nicht, dass in einem solchen Fall auf eine Anklage verzichtet wird, aber unter bestimmten Bedingungen kann von einer Strafe abgesehen werden, ähnlich wie dies bei unserem Abtreibungsgesetz der Fall ist.“

Dass man bei einem Suizidwunsch differenzieren müsse, ist für ihn selbstverständlich. So sei es beispielsweise ein erheblicher Unterschied, ob ein 25-Jähriger aus Liebesenttäuschung oder ähnlich gelagerten Motiven depressiv wird und sterben will, oder ob diesen Wunsch ein 80-jähriger, vom Krebs Zerfressener äußert, für den es keine Besserung seines unerträglichen Zustandes mehr gibt. Hier sollte man verschiedene Maßstäbe anlegen.

Dem Argument des ökonomischen Drucks, unter den kranke oder ältere Menschen geraten könnten, begegnet er mit dem Profit der Medizin- und Pharmaindustrie, den diese unbestritten mit älteren und kranken Menschen und deren Lebens- bzw. Sterbensverlängerung erzielen würden, man denke hier beispielsweise an diverse Gerätschaften und Medikamente.

„Ich bin für Achtung und Respekt“

Auch beim Begriff der oftmals strapazierten Würde hat Kampits seine Bedenken. „Der Begriff ist nämlich so schillernd, dass man ihn für alle ethischen Positionen reklamieren kann, für absoluten Lebensschutz ebenso wie für die Tötung auf Verlangen.“ Man könne Würde als Wesensbestimmung des Menschen qua Mensch verstehen, aber auch in der Autonomie und Vernunftfähigkeit begründet sehen. „Ich neige eher zu einem Würdebegriff, der die Achtung und den Respekt füreinander in den Mittelpunkt stellt, und so auf die Verletzlichkeit des menschlichen Daseins bezogen ist. Gerade am Sterbebett scheinen mir diese Achtung und dieser Respekt besonders wichtig.“

Innerhalb der Diskussion der Bioethikkommission Rheinland-Pfalz findet sich hierzu eine Aussage, die Kampits für sehr bemerkenswert hält, auch wenn sie nicht in den Endbericht aufgenommen wurde:

Man soll nicht von den Gesetzen zur gezielten Tötung abweichen, aber zu bedenken sind extreme Ausnahmefälle, in denen medizinisch ausschließlich palliative Maßnahmen das unerträgliche Leid der Patienten nicht mindern können. In solchen Extremfällen kann aufgrund des Selbstbestimmungsrechts Sterbenskranker ausnahmsweise eine aktive Sterbehilfe ethisch und rechtlich toleriert werden. Der Gesetzgeber sollte die Möglichkeit einräumen, in solchen Fällen von Strafe abzusehen.

Die in Österreich kurzzeitig diskutierte Bestrebung, das Verbot der Sterbehilfe in der Verfassung zu verankern, hält Kampits für überflüssig, unsinnig und sogar kontraproduktiv. Er zitiert den Medizinrechtler Christian Kopetzki: „Die Verfassung ist kein Ort für die Verankerung von weltanschaulichen Duftmarken.“

Kampits versuchte also, die liberalen Aspekte, die die Kommission für die Beihilfe zum Suizid empfahl, auch für die Tötung auf Verlangen durchzuboxen. Er werde aber wahrscheinlich erfolglos damit sein, prognostizierte er noch kurz vor der Abstimmung.

Peter Kampits ist Professor und Zentrumsleiter für Ethik in der Medizin an der Donau-Uni Krems, Mitglied der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt, Gründungs- und Alt-Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft der Universität Wien.