flickr/Willie Sturges

Dr. Strangelove

Der erotische Imperativ

von Milosz Matuschek / 06.11.2015

Auch Philosophen verstehen etwas von der Liebe. Allen voran und zum allseitigen Erstaunen: Immanuel Kant.

Geisteskraft und erotische Strahlkraft gehen nicht immer Hand in Hand. Schopenhauer soll mit seinem Pudel verheiratet gewesen sein. Nietzsche brachte es wohl nur zu einem einzigen verunglückten Heiratsantrag in seinem Leben, und zwar gegenüber Lou Andreas-Salomé. Große Geister wie Descartes, Spinoza, Pascal blieben ehelos. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Kant war ein wilder Feger. Wirklich.

Von den Irrungen und Wirrungen rund um Liebe, Partnerschaft und das moderne Geschlechterverhältnis, darüber schreibt Milosz Matuschek alias Dr. Strangelove in seiner Kolumne.

Physiognomisch mag sich der Königsberger Philosoph nicht auf den ersten Blick als Don Juan aufgedrängt haben. Bei ca. 1,50 m Körpergröße versagt sich jedenfalls das Prädikat „stattlich“. Als spät zur Professur Berufener konnte er die Damen auch nicht mit Geld und Status ködern. Wer sich seinen Tagesablauf ansieht, musste ihn sich schließlich als Zwillingsbruder von Dustin Hoffmann in „Rainman“ vorstellen: vom Morgenappell über Rauchrituale, Essens- und Arbeitszeiten bis hin zum obligatorischen Spaziergang war alles auf die Minute genau durchgetaktet. Vor dem Einschlafen faltete er die Bettlaken noch nach einem eigenwilligen System so, dass er sich wie ein Pharao quasi selbst einmottete. Da erscheint es auf den ersten Blick doch reichlich unvorstellbar, dass er sich als Pendant zur ägyptischen Grabbeilage noch eine Frau mit in sein Mumienbett nahm – um 4.55 Uhr wurde er ohnehin schon wieder von seinem Diener Lampe geweckt. Die Pflicht ruft.

Ein Blick in die Schriften bringt das Blut auch nicht gerade zum Kochen. Zwar wusste er, was ästhetisch war: „schön ist, was ohne Begriff als Gegenstand eines notwendigen Wohlgefallens erkannt wird“ (Kritik der Urteilskraft); weniger schön, zumindest für heutige Ohren, klingt hingegen seine Vorstellung von der Ehe als „Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften“. Den Sex (also die „Geschlechtsgemeinschaft“ ) buchstabiert er als Handwerk, nämlich als der „wechselseitige Gebrauch, den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht (usus membrorum et facultatum sexualium alterius)“. Wie gut, dass der „Metaphysik der Sitten“ eine Bedienungsskizze im Stil der IKEA-Montageanleitung erspart geblieben ist.

Es dauert dann auch seine Zeit, bis das sexuelle Leben des Immanuel Kant ins letzte Detail enthüllt werden konnte. Der bis dahin (und auch seitdem) wenig bekannte französische Philosoph Jean-Baptiste Botul (1896–1946) widmete dem delikaten Sujet eine Vorlesungsreihe in Paraguay, vor den interessierten Zuhörern von Nueva Königsberg, einer deutschen Enklave von Kant-Fans. Leider verstarb er noch im gleichen Jahr und entzog sich damit wie durch ein Wunder der berechtigten Frage nach der Verifizierbarkeit seiner Forschungen. Immerhin hinterließ er uns eine Erklärung darüber, wie sich Philosophen fortpflanzen: sie penetrieren nicht, sondern ziehen sich zurück. Der Rückzug hat einen Namen: Melancholie.

Dem interessierten Leser sowie allen Neo-Pseudo-Retro-und-Erotokantianern sehr zu empfehlen: Botul, Jean-Baptiste, La vie sexuelle d’Emmanuel Kant, Mille et une nuits, 2000.