EPA/KAY NIETFELD

Terror in Paris

Der erste Tag

Meinung / von Barbara Kaufmann / 14.11.2015

Tag eins nach den Anschlägen von Paris. Ein Tag voller Schock, Schmerz und Angst. Aber vor allem der erste Tag der Trauer.

Der erste Tag nach dem Tod eines nahen Menschen ist der schlimmste. Der Tod bricht ein ins Leben und reißt alles mit sich. Lachen, Essen, Tanzen. Übermut, Genuss, Vergnügen. Alltag, Leichtigkeit, Gemeinschaft. Der Tod drängt sich hinein. Ohne Vorwarnung. Steht plötzlich da. Im Kino, im Stammlokal, im Wohnzimmer beim Abendessen.

Ein schwarzer Monolith, an dem man nicht vorbeikommt.

Je näher einem der Verstorbene gewesen ist, umso mehr ist man betroffen. Je mehr er einem gleicht, umso stärker fühlt man sich gemeint. Je stärker die Beziehung zu ihm war, umso größer wird die Angst.

Plötzlich wird es eng. Der eigene Tod real. Man kann ihn nicht mehr wegschieben. Jemand kommt, jemand lacht, jemand geht. Und kommt nie wieder. Man könnte der Nächste sein. Kein Halt, nirgends. Der Boden, auf dem man steht, beginnt zu schwanken. Man fühlt sich hilflos, hoffnungslos, ausweglos gefangen in einem Moment, der nicht zu vergehen scheint. Der sich ausdehnt und alles ausfüllt. Den ganzen Tag, die ganze Nacht.

Die innere Sicherheit gerät ins Wanken. Man läuft Gefahr, sie zu verlieren.

Paris ist nicht auf einem anderen Kontinent. Paris ist nahe, Paris ist gleich ums Eck. Vielleicht ist der eine oder andere selbst schon mal an einem lauen Freitagabend in einem der Cafés gesessen, vielleicht auch schon öfter. Vielleicht wäre man auch einer der Menschen gewesen, die gestern gemeinsam den Tag ausklingen ließen, lachten, das Wochenende begrüßten. In der Stadt an der Seine.

Vielleicht wäre man auf ein Rockkonzert gegangen, hätte getrunken, gesungen, getanzt. Das Leben gefeiert. Was kostet schon die Welt? Was kostet so ein Abend? Was kann er kosten?

Das eigene Leben.

Daran denkt man nicht. Daran will man nicht denken. Und muss es jetzt doch ständig tun. Sterben, weil man kurz ums Eck geht? Die Nachbarn besucht? Mit ihnen ein Fußballspiel ansieht, Kaffee trinkt, Musik hört? Wie grausam. Wie undenkbar. Bis gestern Nacht.

Die innere Sicherheit ist gefährdet.

Man will das Europa nicht aufgeben, an das man sich gewöhnt hat. Das Osterfest in Rom, die Ausstellung in London, das Studienjahr in Berlin. Nachbarn, Freunde – nous sommes unis. Wir sind eins. Die innere Sicherheit wird zur Gefahr. Man wünscht sich Halt, Trost und Schutz in solchen Stunden. Koste es, was es wolle. Was kostet die Freiheit? Was wird sie in Zukunft kosten? Vielleicht zu viel.

Der erste Tag nach dem Tod von nahen Menschen ist der erste Tag der Trauer. Noch ist keiner begraben, keiner verabschiedet. Wer beten will, der soll es tun. Wer lieber Kerzen anzündet oder eine Zigarette, auch. Ein Lied hören, schreien, weinen oder in die Sonne gehen. Mehr kann man am ersten Tag danach nicht tun.

Wer jetzt schon Lösungen bereit hat, lügt. Lügt vielleicht aus Berechnung, vielleicht auch, weil er Angst hat. Vor der Zukunft, vor dem, was war.

Und kommen kann.