ULLSTEIN BILD

Missing Link

Der Fälscher von Piltdown ist nach 100 Jahren überführt

von Martin Amrein / 28.08.2016

Der Schädel des „Piltdown-Menschen“ sollte ein Bindeglied zwischen Mensch und Affe sein, doch er wurde zum grössten Betrug in der Geschichte der Forschung. Jetzt ist der Fall gelöst.

Die dunklen Schädelknochen raubten den im Saal anwesenden Wissenschaftern den Atem. Das Fossil vereinte alles, wonach sie so lange gesucht hatten: Ein fast menschlicher Hirnschädel, ein affenartiger Kiefer und dazu noch Zähne, die zugleich urtümliche und moderne Eigenschaften aufwiesen.

Was Charles Dawson und Arthur Smith Woodward an diesem Abend im Dezember 1912 der Geologischen Gesellschaft von London vorstellten, war nichts Geringeres als das perfekte evolutionäre Bindeglied zwischen einem heutigen Menschen und seinen affenähnlichen Vorfahren. Die Evolutionstheorie Charles Darwins schien endgültig bestätigt. Und was das Ganze noch schöner machte: Der Fund stammte aus England. Die Wiege der Menschheit lag also gleich um die Ecke in Sussex.

Doch wie sich später herausstellen sollte, gab es ein Problem: Das Fossil, das als Piltdown-Mensch bekannt wurde, war eine krude Fälschung. Aus einem menschlichen Schädel und dem Kiefer eines Orang-Utans zusammengeflickt, gilt es bis heute als einer der grössten Betrugsfälle der Wissenschaft.

Auf der Suche nach weiteren Knochenstücken: Charles Dawson (sitzend) und Arthur Smith Woodward (rechts). (Piltdown, 1913)
Credits: MARY EVANS / NATURAL HISTORY MUSEUM / INTERFOTO)

Über Jahrzehnte war unklar, wer hinter dem Schwindel steckt. Es wurde gerätselt, ob es sich um nur einen oder um mehrere Fälscher handelte, was die Beweggründe für die Tat waren. Nun glauben Wissenschafter, den Fall endlich gelöst zu haben. „Die Fundgegenstände tragen die Signatur einer einzigen Hand“, sagt Isabelle De Groote von der Liverpool John Moores University. „Alles deutet auf denselben Verdächtigen hin.“ Die Paläoanthropologin hat mit mehr als einem Dutzend Kollegen aus verschiedenen Disziplinen den Piltdown-Menschen mit modernsten Mitteln noch einmal genau untersucht. Die Ergebnisse haben die Forscher soeben im Fachblatt „Royal Society Open Science“ (online) veröffentlicht. In ihrem Artikel präsentieren sie auch das Motiv des Fälschers.

Die Geschichte des Piltdown-Menschen beginnt im Februar 1912 mit einem Brief des Anwalts und Hobbyarchäologen Charles Dawson an seinen Freund Arthur Smith Woodward, Leiter der geologischen Abteilung des British Museum in London. Darin schreibt Dawson, dass er in einer Kiesgrube nahe der Ortschaft Piltdown in Südengland auf Schädelfragmente gestossen sei, es handle sich wohl um einen Urmenschen. Smith Woodward war sofort interessiert und half Dawson bei weiteren Grabungen an derselben Stelle. In den nächsten Monaten fanden sie dort neben den Schädelteilen einen Kieferknochen, Zähne, Steinwerkzeuge und versteinerte Tierknochen. Der Piltdown-Mensch war Tatsache. Ausgehend von der dunklen Färbung der Knochenstücke und der Beschaffenheit der Tierfossilien, die in derselben Erdschicht lagen, schätzte der Geologe Smith Woodward das Alter des Schädels auf ungefähr 500 000 Jahre.

Die spärlichen Urmenschen-Funde, die zuvor bekannt waren, erlaubten kaum Rückschlüsse zur Evolutionsgeschichte des Menschen. Der Schädel des Piltdown-Menschen dagegen zeigte das deutliche Bild eines Lebewesens mit erstaunlich grossem Gehirn, das noch immer einen primitiven Unterkiefer besass. Genau diese Kombination hatten britische Evolutionsforscher von einem so alten Frühmenschen erwartet – und so akzeptierten sie die Echtheit des Fundes mit Begeisterung.

Forscher wurden stutzig

Ihr Enthusiasmus für den „Earliest Englishman“ ging so weit, dass sie die Bedeutung echter Fossilien, die in den folgenden Jahren in Afrika auftauchten, lange gar nicht er- kannten. Erst als sich immer mehr Widersprüche zwischen dem Piltdown-Menschen und weiteren neu entdeckten Urmenschen zeigten, wurden drei englische Forscher stutzig. 1953 schauten sie sich das Fossil noch einmal gründlich an und kamen dem Schwindel dank neuen Datierungsmethoden auf die Schliche: Die Schädelstücke des Jahrhundert-Fundes aus Piltdown waren höchstens einige hundert Jahre alt. Der Kiefer stammte von einem gewöhnlichen Menschenaffen, die Zähne trugen Schleifspuren einer Feile, alle Knochenteile waren mit Beize dunkel eingefärbt.

Der Jesuitenpriester Teilhard de Chardin entdeckte den wichtigen Eckzahn des Fossils.
Credits: NATURAL HISTORY MUSEUM / INTERFOTO

Sofort begannen die Spekulationen um mögliche Täter. Infrage kamen zuallererst die beiden Entdecker Charles Dawson und Arthur Smith Woodward. Doch auch Pierre Teilhard de Chardin traute man den Betrug zu. Der französische Jesuitenpriester war bei etlichen Ausgrabungen behilflich. Er fand jenen so wohlgeformten Eckzahn, der auch die letzten Zweifler am Fund zum Schweigen brachte. Der vierte Hauptverdächtige war Smith Woodwards Assistent Martin Hinton. Nach dessen Tod hat man in seinem Schaft eingefärbte Zähne und Knochen entdeckt.

Über die Jahre kamen stets weitere Verdächtige hinzu, zum erweiterten Kreis möglicher Fälscher gehörten schliesslich bis zu zwanzig Leute. Unter ihnen auch Arthur Conan Doyle, der Autor des Sherlock-Holmes-Geschichten. Er wohnte nur wenige Kilometer von der Fundstelle entfernt, war in derselben Archäologie-Gesellschaft wie Dawson und hatte ein Rachemotiv: Die etablierte Wissenschaft hatte seine Forschung zu Geistwesen angegriffen.

Martin Hinton war Assistent am British Museum. Bei ihm wurden gefärbte Knochen gefunden.
Credits: NATURAL HISTORY MUSEUM / INTERFOTO

Vor sieben Jahren begann Isabelle De Groote mit ihren Untersuchungen. „Zuvor hatten sich Forscher die Schädelknochen nur von aussen angeschaut. Wir aber konnten erstmals in ihr Inneres blicken“, erklärt sie. DNA-Analysen zeigten, dass der Kiefer und alle Zähne vom selben Orang-Utan-Schädel stammen. Der Täter hatte ihn wohl in einem Ramschladen gekauft und in verschiedene Teile zerbrochen. Die menschlichen Knochen liessen dagegen keine genauere Identifikation zu, weil sie kaum mehr genetisches Material bergen. Dafür deckten CT-Scans auf, dass fast alle Knochen des Fundes mit einer Spachtelmasse, wie sie Zahnärzte früher verwendeten, überzogen und danach eingefärbt worden waren. Im Innern des Schädelknochens und der Zähne hatte der Fälscher kleine Kieselsteine versteckt und die Hohlräume mit derselben Masse verschlossen. Der Schädel sollte dadurch schwerer wirken, genauso wie ein Fossil.

„Alle Stücke wurden auf dieselbe Art bearbeitet, teilweise recht stümperhaft“, sagt De Groote. Das deute darauf hin, dass der Fälscher kein professioneller Präparator gewesen sei. Dieser Befund entlastet Smith Woodward und Hinton – und lässt den Amateurarchäologen Dawson umso verdächtiger erscheinen.

Als erfahrener Fossiliensammler wusste Dawson, wie eine Versteinerung aussehen und wie sie vergraben sein musste. Er hatte sogar eine Vorgeschichte als Schwindler. Mehrere seiner früheren Funde stellten sich später als Fälschungen heraus, darunter eine römische Figur, der Zahn eines Ursäugetiers und eine Steinaxt. Doch viel entscheidender war ein anderer Umstand: Mit Dawson begann die ganze Geschichte um den Piltdown-Menschen, und mit ihm endete sie. Nach seinem Tod 1916 fand man in der Gegend kein einziges Fossil mehr.

Arthur Smith Woodward war Forscher am British Museum und Mitentdecker des Fossils.
Credits: NATURAL HISTORY MUSEUM / INTERFOTO

Um den Verdacht gegen Dawson zu erhärten, durchforsteten die Forscher seinen Nachlass. Dabei stiessen sie auf Briefe, die Dawsons Geltungsdrang zum Ausdruck bringen. Seinem Freund Smith Woodward schrieb er 1909: „Ich warte schon lange auf den grossen Fund, der mir nicht zu gelingen scheint.“ Dawson wollte als Forscher ernst genommen werden. Er träumte von der Mitgliedschaft in der Royal Society. Dafür nominiert wurde er erst, nachdem er der Welt den Piltdown-Menschen präsentiert hatte.

Eine wichtige Botschaft

Für De Groote steht ausser Frage, dass Dawson für die Fälschung verantwortlich ist. „Er suchte damit Anerkennung“, sagt die Forscherin. Was ihm auch gelang, solange der Betrug unentdeckt blieb. Laut dem Paläontologen Chris Stringer vom Londoner Natural History Museum, das die Überreste des Piltdown-Menschen noch immer ver- wahrt, hat der Betrugsfall bis heute eine wichtige Botschaft: „Bei neuen Befunden in der Wissenschaft müssen wir vorsichtig bleiben“, sagt er. „Speziell, wenn sie zu gut sind, um wahr zu sein.“

Nach der Präsentation des Piltdown-Menschen konnten die meisten Wissenschafter nur Nachbildungen des Schädels untersuchen. Das Original blieb weggeschlossen, was das Auffliegen des Betrugs verzögerte. Bis heute sind viele Paläontologen ähnlich restriktiv, wenn es darum geht, Konkurrenten ihre Funde zugänglich zu machen. De Groote zieht darum eine weitere Lehre aus dem Fall: „Wir sollten unsere Forschungsdaten öffentlich zugänglich machen“, sagt sie. Um ihre Erkenntnisse über den Piltdown-Menschen zu enthüllen, bestand De Groote denn auch auf der Publikation in einem Fachblatt mit freiem Zugang.