imago/Eibner

Übergriffe in Köln

Der flexible Sexismus

Meinung / von Birgit Schmid / 18.01.2016

Ein Mann, der keine Bücher von Frauen liest, wird als Sexist beschimpft. Was das mit der Silvesternacht in Köln zu tun hat.

Ein Buchhändler in Norditalien und der Kölner Hauptbahnhof: Sie haben miteinander zu tun, aber nicht so, wie es manche Frauen behaupten. Der Buchhändler des Feltranelli-Verlags in Bologna wurde um Weihnachten herum gefragt, warum er lauter Bücher von Männern auf seine Geschenkliste setze. Seine Antwort: Er lese wenig „von Frauen geschriebene Bücher“. Der Satz verbreitete sich im Nu im Netz und kehrte als Shitstorm zum Bekennenden zurück. Seither muss er sich Sexist schimpfen lassen.

Ein Mann, der fast nur Bücher von Männern liest und seine Vorliebe zugibt – das ist noch nicht sexistisch. Es ist höchstens dumm, so etwas öffentlich zu sagen. Und schade obendrein: schade um Monika Maron, Zeruya Shalev, Alice Munro und alle anderen Autorinnen, die dem Mann entgehen. Hätte seine Bemerkung eine Bewertung enthalten, warum er keine Frauen liest; weil er sie für belanglos, subjektivistisch, dümmer hielte, dann könnte man ihm Sexismus vorwerfen. Ich kenne gebildete Männer, die lieber Bücher von Männern lesen, ohne dass Frauen für sie minderwertig sind. Sie lesen SF-Thriller, Action-Romane oder wie der unglückliche Buchhändler die großen Russen, und sie zeigen sich trotz sensibilisierender Buchgeschenke resistent. Genauso gibt es Frauen, die nur Bücher von Frauen lesen. Sie suchen Identifikation, sie solidarisieren sich. Und mögen Männer trotzdem. Auch da kann man nur sagen: schade um Peter Stamm, John Irving, Murakami.

Manchmal entspricht das, was als sexistisch gilt, dem persönlichen Geschmack. Dahinter steht nicht Verachtung, sondern Desinteresse. Doch der Sexismus-Vorwurf kommt heute schnell und bringt jeden und jede zum Schweigen, und das nicht erst, seit feministische Netzwerke eine virtuelle Klagemauer dafür bieten. Die politische Korrektheit verengt den Spielraum zwischen den Geschlechtern und nimmt dem Umgang miteinander das Elastische.

Und dann passierte Köln.

Eine sexistische Haltung erhöhe die Gewaltbereitschaft, bekommt man oft zu hören, wenn man einen Satz wie „Mädchen sind schlechter in Mathe“ der Realität von versklavten Frauen in Afghanistan gegenüberstellt und danach fragt, ob die zwei Beispiele wirklich vergleichbar sind. Das eine soll nicht gegen das andere ausgespielt werden. Bemerkenswert ist nun aber, dass die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln einen ähnlichen Relativismus hervorbrachten. Jene, die sonst gegen den täglichen Sexismus vorgehen und keine Abstufungen dulden beim Schweregrad einer Handlung, forderten Zurückhaltung. So kritisierte die Autorin Hilal Sezgin in der Zeit die Kommentatoren und Deuter, die aus allen Löchern gekrochen seien, noch „bevor wir darüber nachdenken konnten, ob das, was geschehen ist, verwandt oder nicht verwandt ist mit dem, was wir andernorts an sexueller Gewalt erleben“. Als ob es zwischen einer Vergewaltigung und einer Vergewaltigung einen Unterschied gäbe. Im Tagesspiegel war der ungeheuerliche Satz zu lesen, die Trickdiebe hätten nicht primär das Ziel gehabt, die Frauen sexuell zu erniedrigen, sondern nutzten sexuelle Handlungen bloß, um die Opfer zu bestehlen. So wird Sexismus relativiert.

Das einzig Gemeinsame an den beiden Ereignissen ist der Vorwurf des Sexismus. Aber im einen Fall ist er denunzierend und falsch, im anderen offensichtlich und richtig. Seltsam, wie schnell man beim lesenden Buchhändler mit dem Vorwurf zur Hand war und wie lange es dauerte, bis er in Köln ins Zentrum rückte.