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Ausgeliefert

Der Flieger steigt, die Tränen fallen

von Birgit Schmid / 21.11.2015

Das Rätsel wurde bisher nicht wissenschaftlich untersucht, und doch bestätigen es viele: die Neigung, im Flugzeug zu weinen. Die höchste Höhe ist erreicht, das Essen serviert, die Plätze sind eingenommen. Ist es ein Flug durch die Nacht, geht bald einmal das Hauptlicht aus. Die Kabine brummt, vereinzeltes Husten.

Schirme leuchten zwischen den Reihen, schmales Licht fällt von oben auf ein Buch, Decken werden ausgebreitet, ein Kopf findet eine Schulter. Das ist der Moment, um zu weinen. Um überwältigt zu werden und seinen Gefühlen den Lauf zu lassen, hier auf Sitz 12F, 24A oder 35C.

Nirgendwo sonst fühlt man sich so ausgeliefert wie in einem Flugzeug. Es gibt nichts zu tun: keine E-Mails zu checken, niemanden zum Chatten, nutzlos liegt das Smartphone in der Tasche. Man ist abgeschnitten und festgezurrt neben Leuten, denen man noch nie begegnet ist und denen man nie wieder begegnen wird. Gibt sein Leben aus der Hand, 12 000 Meter über dem Boden. Jetzt nicht die Bilder aufkommen lassen von den Flügen, die vor dem Ziel geendet haben. Nicht daran denken, was weg von zu Hause alles passieren könnte. Am liebsten würde man kurz den einen und anderen anrufen auf der Erde, um ihnen zu sagen, wie gerne man sie hat.

Dies möglicherweise verpasst zu haben, das ist wahrlich ein Grund zum Weinen.

Man hat Geschichten zurückgelassen, abgeschlossene und solche, die erst begonnen haben, und hat jetzt Zeit, das eigene Leben zu überdenken. Selbst Männer weinen ab und zu allein im Auto. Die Einsamkeit im Flugzeug aber ist umfassend. Auch wenn man eine Hand neben sich zum Drücken hat – man bleibt auf sich selbst zurückgeworfen. Oft lenkt auch ein Film nicht richtig ab. Er löst sogar die Schleusen erst. Er weine selten im Kino, hat der britische Schauspieler Colin Firth kürzlich gesagt, doch im Flugzeug würden ihn Filme zu Tränen rühren: „Eigenartigerweise hat Höhe einen Effekt auf meine Gefühle.“

Statt bloss Flugzeugkatastrophen herauszuschneiden, müssten Fluggesellschaften vor Filmen wie „Wild“ und „Heidi“ warnen: „Dieser Film enthält traurige Szenen, die empfindsame Passagiere zum Weinen bringen könnten.“ Da im Flugzeug Kräfte wirken, gegen die man machtlos ist, gälte das aber ebenso für einen Bond oder Borat. Alles geht nah.

Wie klein die eigene Existenz im Universum ist! Beim Blick aus dem Fenster das gleichmütige Blinken des Flügels. Warum weint ein erwachsener Mensch überhaupt? Er weint, wenn er etwas oder jemanden verliert oder ihm bewusst wird, was er zu verlieren hat. Das erkennt er in diesem Moment, in dem er die Kontrolle an den Piloten und die Besatzung abgegeben hat.

Die Tränen, die man im Flugzeug verstohlen in die Decke weint, haben auch mit unserem Alltag zu tun, der so schnell und hoch getaktet ist, dass man gar nicht merkt, was einem wichtig ist – und das deshalb immer auch gefährdet ist. Am Morgen saß man noch in einem Meeting, die ganze Woche rannte man herum. Im Nu gepackt, in Eile im Transit, atemlos zum Gate. Da steht das Flugzeug schon, und manch einem kommen bereits jetzt die Tränen: Erst gelandet, steigt die Maschine bald wieder auf, ohne sich auszuruhen. Der liebe große Vogel! Dann sitzt man drin. Die Düsen dröhnen, der Flieger rollt an, er beschleunigt und hebt ab.

In den Sitz gedrückt, löst sich die Spannung. Alles fällt ab. Man kann jetzt nichts mehr tun. Ausser vielleicht?