Juan Medina / Reuters

Frauenfeindliche Taxierungen

Der Geist hat keinen Körper

von Claudia Mäder / 26.09.2016

Noch immer echauffieren sich Männer darüber, dass man ihnen Bemerkungen über das Aussehen von Frauen übelnimmt. Ein Plädoyer für eine saubere Trennung von Körper und Geist.

Es gibt viele schöne Adjektive. „Wunderschön“ ist eines von ihnen. Zu einem sanften Alpental würde man es als Beiwort vielleicht spontan gesellen, zu einem perfekt geschnittenen Kleid kann es passen, eine harmonische Klangfolge mag es charakterisieren – oder das Aussehen eines Menschen beschreiben. Eben dazu darf man das hübsche Wort in unseren hochmoralischen Zeiten nun aber nicht mehr ohne weiteres gebrauchen. Das jedenfalls beklagen konsternierte Männer immer wieder, wenn sie wegen öffentlich verteilter Komplimente in die Bredouille geraten und für Bemerkungen zu ihren bezaubernden Töchtern oder ihren wunderschönen Mitarbeiterinnen gesellschaftlich bestraft werden.

Gegen Tritte in die Fettnäpfe der Schönheitsrede scheint niemand gefeit, schliesslich hat sich neben zahllosen Professoren, Journalisten oder Politikern auch der mächtigste Mann der Welt schon in ihnen verfangen. Als sich Barack Obama – im Allgemeinen eher des Moralismus als der politischen Unkorrektheit verdächtig – vor einiger Zeit auf einer öffentlichen Veranstaltung dazu hinreissen liess, die Generalstaatsanwältin Kamala Harris als „best-looking attorney general“ zu betiteln, hat er damit einen veritablen Skandal und eine Debatte über die Grenzen der Redefreiheit provoziert.

Kein Erkenntnisgewinn

Man kann über solche Episoden einfach nur den Kopf schütteln, und mit jedem Recht darf man darauf hinweisen, dass die Diskussion um das Gewaltpotenzial von verbalen Äusserungen ad absurdum geführt wird, wenn sie sich auf hübsche Gesichter zu erstrecken beginnt. Man darf aber mit ebenso viel Recht und vollkommen nüchtern auch danach fragen, welcher Erkenntnisgewinn uns aus Adjektiven wie „wunderschön“ und Superlativen wie „am schönsten“ erwächst, wenn sie im öffentlichen Raum auftauchen und zur näheren Beschreibung von Personen verwendet werden, deren Kerngeschäft nicht in der Vermarktung ihres Körpers besteht, sprich: die weder Models noch Schauspieler, sondern Töchter, Anwälte oder Politiker sind.

Korrekterweise wäre bei diesen letzten beiden Wörtern die weibliche Form zu benutzen, denn in der Mehrheit der Fälle treten aufs Aussehen bezogene Äusserungen in Verbindung mit Frauen auf. Sicher, in letzter Zeit hat Donald Trumps Frisur Anlass zu einigen kritisch-ästhetischen Kommentaren gegeben. In aller Regel aber sind es die Décolletés von Merkel oder May, die Stillosigkeiten von Doris Leuthard oder die gut geformten Beine von Samantha Cameron, die im öffentlichen Diskurs Beachtung finden. Das ist durchaus keine subjektive Empfindung: Diverse Studien belegen, dass Frauen, ob sie nun Politikerinnen sind oder nicht, in der öffentlichen Rede sehr viel häufiger mit äusseren Attributen charakterisiert werden als Männer.

„Genderforschung“, höre ich den geneigten Leser schon schaudernd seufzen. Und im Glauben, der Text stamme sicher von einer frustrierten Feministin, blättert er weiter. Um spezifisch weibliche Befindlichkeiten, moralinsaure Überempfindlichkeiten und den Rückzug in gemütliche Opfernischen geht es bei der Diskussion um die schönen Adjektive aber gerade nicht. Die Rede ist, im Gegenteil, von der sauberen logischen Trennung zwischen privater und öffentlicher Sphäre, von der klaren Scheidung zwischen Körper und Geist – und von dem Bedauern darüber, dass der öffentliche Diskurs von Dingen durchsetzt ist, die für die öffentliche Ordnung keine Bedeutung haben.

Endlich keine Bedeutung mehr haben, möchte man zum besseren Verständnis anfügen und einen kleinen Abstecher in die Geschichte unternehmen. Über Jahrtausende hinweg war die öffentlichrechtliche Stellung – nicht nur der Frauen – aufs Engste mit körperlichen Konstitutionen verwoben, ja die Letzteren bildeten nachgerade den Sockel, auf dem Erstere basierte. Anschaulich darstellen lässt sich die Sachlage, wenn auch verkürzt, anhand der Germanenstämme. Dort, wo sich Rechtshändel gerne zu Faustkämpfen oder Waffengängen auswuchsen, war prozessfähig einzig, wer zuzuschlagen verstand – also nur geeignete (bewehrte) Vertreter des starken und grundsätzlich keine des schönen bzw. schwachen Geschlechts.

Als sich später im Mittelalter die Verbindung zwischen öffentlicher Ordnung und körperlicher Schlagkraft lockerte und sich waffenlose Stände, etwa der Klerus, in der Gesellschaft etablierten, hätten im Prinzip auch Frauen zu rechtsfähigen Personen avancieren können. Nur hatte man sich zu dieser Zeit längst angewöhnt, aus der physischen Zartheit der Frauen auf ihre psychische Instabilität zu schliessen. Vorgeblich zum Schutz ihrer selbst sowie der familiären Habe wurden sie von öffentlichen Geschäften und wirtschaftlichen Transaktionen ferngehalten und unter männliche Vormundschaft gestellt.

Historischer Rückschritt

Freilich war schon den hellen Köpfen des 17. Jahrhunderts klar, dass ein Körper, ob der grobschlächtige eines Bauern oder der filigrane einer Frau, keinen Einfluss auf den Geist hat. René Descartes erklärte den gesunden Verstand zur „bestverteilten Sache der Welt“, und sein Adept François Poullain de La Barre dachte die Trennung zwischen „res cogitans“ und „res extensa“ konsequent zu Ende. Wenn Geist und Körper separate Substanzen sind, so der bestechend einfache Schluss des Franzosen, kann Letzterer keine Wirkung auf den Ersteren haben, und folglich sind Geschlecht, Zart- und Schönheit irrelevant, wenn es um das geht, was beim Denken einzig zählt, nämlich den Verstand. Auf einen Satz gebracht: „L’esprit n’a point de sexe.“

Der Geist kennt kein Geschlecht – aber die Geschichte kennt den Rückschritt. Im 18. Jahrhundert wurde der Rationalismus vom Sensualismus überholt; neuerlich wurden Verbindungen zwischen äusserer Gestalt und innerem Vermögen entdeckt und aus dem so hübschen wie feinen weiblichen Erscheinungsbild rechtswirksame Schlüsse gezogen: Anstatt als handlungsfähiges, autonomes Subjekt wie der gemeine Bürger ging die Frau als weitgehend rechtloses Schutzobjekt des Manns aus der Aufklärung hervor. Aufgrund ihrer körperlichen Beschaffenheit zu schwach fürs verantwortungsvolle Handeln, war sie dank ebendieser Konstitution immerhin in der Lage, ihren Daseinszweck zu erfüllen und mit ihrer Anmut dem Mann zu gefallen: „La femme est faite spécialement pour plaire à l’homme“, deklarierte Jean-Jacques Rousseau, der Herold der menschlichen Gleichheit, ein gutes Jahrhundert nach dem vergessenen Poullain de La Barre.

Tempi passati! Wer heute öffentlich über das Aussehen einer Frau redet, schafft und zementiert damit keine Rechtsordnung, und er degradiert die weibliche Person mit seiner Charakterisierung auch nicht zum dümmlichen Objekt männlichen Wohlgefallens: Wenn ein äusseres Merkmal erwähnt wird, bedeutet das nicht, dass der Sprecher die Trägerin auf dieses Merkmal reduziert. Explizit lobte zum Beispiel Barack Obama die Generalstaatsanwältin Kamala Harris als strahlende Schönheit und brillante Rechtsgelehrte.

Alles bestens also? Nein, denn gerade wenn es auf solch wohlmeinende Vermischungen der Sphären stösst, sträuben sich beim ordnungsliebenden Subjekt die Nackenhaare: Nichts zeigt deutlicher als dieser Konnex – die Frau ist wahnsinnig klug und, man sehe und staune, auch noch schön! –, wie weit wir noch immer von der gelassenen Objektivität und der rationalen Trennung des 17. Jahrhunderts entfernt sind. Dabei wäre die Sache wirklich simpel. Nachdem die rechtsstrukturierende Kraft endlich aus dem Körper gewichen ist, gehört die Öffentlichkeit heute dem Geist; der Körper hat in dieser Sphäre schlicht und einfach nichts mehr verloren.

Sein Aussagewert für das, was im öffentlichen Raum von Interesse ist, liegt ganz exakt bei null, und seine andauernd herbeigeredete oder -geschriebene Präsenz in ebendiesem Raum ist folglich überflüssig bis ärgerlich. Wenn auch notwendigerweise unvermeidlich: Seit ihrer Konzeption in der Antike und ihrer Neuentdeckung in der Moderne bildet die Öffentlichkeit einen gesellschaftlichen Bereich, in dem die politische Freiheit dominiert – und mithin auch die freie Rede, weshalb selbstverständlich jeder, dem es beliebt, jede, die ihm gefällt, als schön bezeichnen darf.

Beine sind unverbesserlich

Insbesondere aber ist die Öffentlichkeit für den freien Gebrauch der Vernunft ersonnen worden; für den offenen Austausch von guten Argumenten und besseren Gedanken, für die Diskussion von Dingen also, über die sich die Menschen streiten und die sie gemeinsam gestalten können, wollen oder müssen. Wohlgeformte Beine und wunderschöne Gesichter jedoch sind weder Gedanken noch Argumente. Sie sind reine Geschmackssache. Wie wollte man sinnvoll über sie debattieren? Wozu auf dem Marktplatz der Ideen über sie reden? Wie sie zum Besseren entwickeln? Hälse, Arme und Nasen gehören einem Bereich des Unveränderbaren an, der seinen Schutzraum – nebst vielem anderem – im Privaten hat; sie haben dort ihre Relevanz, wo mitunter auch die Affekte herrschen und den Gang der Dinge bestimmen dürfen.

Dort, im Privaten, mag eine schöne Gestalt für eine Weile die Welt bedeuten. Draussen in der Welt aber sollte der vernünftige Mensch es vermögen, sich von ihr zu lösen – und auf Kommentare zu ihr zu verzichten.