Der gute Kern und die ungünstigen Umstände

von Friedrich Wilhelm Graf / 27.01.2015

„Fields of Blood: Religion and the History of Violence“ lautet der originale Titel von Karen Armstrongs jüngstem, aus bekannten Gründen hochaktuellem Buch. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf darüber, dass der Glaube an den einen Gott nicht zwangsläufig zu Gewaltbereitschaft führen muss.

In ihrer weit ausgreifenden UniversalgeschichteKaren Armstrong: Im Namen Gottes. Religion und Gewalt. Aus dem Englischen von Ulrike Strerath-Bolz. Pattloch, München 2014, 687 S., € 24,99 der Beziehungen zwischen Religion und Gewalt will die in Oxford lehrende Religionswissenschafterin die These widerlegen, dass religiöser Glaube, vor allem der Glaube an den einen Gott, zwangsläufig zu aggressiver Intoleranz und Gewaltbereitschaft führe.

Armstrong macht ihre apologetischen Interessen von vornherein mit sympathischer Offenheit klar. Gerade „die drei abrahamitischen Religionen“ hätten einen guten Kern, weil sie Frieden, Versöhnung, Gemeinschaftsbildung und Solidarität mit den Schwächsten befördern wollten.

Friedensvisionen

Zwar bestreitet die Autorin nicht, dass in den heiligen Schriften der großen monotheistischen Religionsfamilien zahlreiche Geschichten von Krieg, Raub, Vernichtung, Vertreibung, Mord und apokalyptischer Zerstörung erzählt werden. Aber diese Überlieferungen hält sie für weniger wichtig als die grandiosen Friedensvisionen, die sie bei den Propheten des Alten Testaments, in der Bergpredigt des jüdischen Wanderpredigers Jesus von Nazareth und auch beim Propheten Mohammed findet. Hat Religion einen guten Kern, muss man jedoch erklären können, wie sie für Hetze und Gewalt in Anspruch genommen werden konnte.

Von den agrarischen Gemeinwesen der alten Sumerer vor 6.000 Jahren bis hin zur Gegenwart bietet Armstrong für die Gewaltgeschichten der Religion immer wieder dieselben Deutungsmuster: Es seien gar nicht genuin religiöse Motive, die zur Gewalt führten, sondern nichtreligiöse strukturelle Bedingungen, vor allem die politische und militärische Machtausübung in einer Gesellschaft. Obendrein sei Religion als eine selbstständige, relativ autonome Sphäre menschlicher Kultur nur eine moderne, primär von protestantischen Philosophen und Theologen verbreitete Erfindung. Vor der Aufklärung des 17. Jahrhunderts sei wirklich alles, Staat und Politik, Ökonomie und Kunst, Sexualität und Kriegsführung, vom Glauben an Gott oder mehrere Götter durchdrungen gewesen.

So hätten die religionskritischen Aufklärer den falschen Eindruck gewonnen, dass eigentlich rein politisch oder ökonomisch motivierte Kriege eine religiöse Ursache hätten. Denker wie John Locke und Immanuel Kant seien deshalb gar keine Aufklärer, sondern Erfinder des myth of religious violence; mit dieser Formel knüpft Armstrong an den katholischen Theologen William T. Cavanaugh an. Dass die modernen „Säkularisten“ diesen Mythos seit dem 19. Jahrhundert und auch heute noch für wahr hielten, erklärt Armstrong mit ideologischer Verblendung: In ihrem radikalen Antiklerikalismus und ihren Kulturkämpfen gegen die Frommen sei es den „Säkularisten“ gelungen, den Mythos von der Glaubensgewalt als Realität erscheinen zu lassen.

Nun kann auch Karen Armstrong nicht leugnen, dass in der menschlichen Geschichte neben politischen Akteuren auch religiöse Autoritäten wie Bischöfe, Päpste, Mönchsorden und alle möglichen Gottestreuen Kriege führten und Ketzer oder Häretiker umbrachten. Dies deutet sie mit einem von dem Neurologen Paul D. MacLean entwickelten Modell gehirnwissenschaftlich. Wir Menschen besäßen trotz aller Evolution neben dem im Neokortex angesiedelten Vernunftvermögen und dem für die Emotionen zuständigen limbischen System immer noch ein kleines Reptiliengehirn, dem die in Urzeiten überlebenswichtige Gewaltbereitschaft entstamme. Die Aggressivität muslimischer Mönche in Syrien versteht Armstrong deshalb als Regression in unser Reptiliengehirn, wohingegen sie buddhistische Mönche ob der Fähigkeit lobt, durch hingebungsvolle Meditation jenen Teil unseres Gehirns zu aktivieren, der die Fähigkeit zu Mitgefühl mit den anderen steigere.

Ein Glaubenszeugnis

Ernsthaft behauptet die Autorin mehrfach, gerade der Buddhismus sei eine besonders friedliche Gestalt der Weltdeutung und Lebensführung. Ob sie noch nie von den militanten buddhistischen Mönchen in Myanmar gehört hat, die die Angehörigen muslimischer Minderheiten mit Mord und Brandstiftung bekämpfen? Aber mögliche empirische Einwände interessieren Karen Armstrong ebenso wenig wie differenzierte ideenhistorische oder theologische Argumentation. Sie schätzt das Übersichtliche und klare, einfache Unterscheidungen. Vor allem das Zerrbild der modernen „Säkularisten“ kann nicht überzeugen. Dass mehr Mitgefühl und Sympathie alle Gewaltprobleme der Gegenwart zu lösen vermöchten, ist eine nur naive Botschaft. Aber manche Bücher über Religion und ihre Geschichte wollen gar nicht Aufklärung, sondern ein Glaubenszeugnis sein.