Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Der Himmel im Jahr Einsteins

Gastkommentar / von Peter Strasser / 27.11.2015

Er stirbt. Er weiß, dass er stirbt. Er weiß, dass er nichts weiß. Mit diesem Wissen kann er nicht sterben. Er will keinen Priester, er will einen Physiker.

Vor hundert Jahren präsentierte Einstein die Allgemeine Relativitätstheorie. Und was passierte? Er, der Sterbende, versteht noch nicht einmal die Spezielle. Für ihn ist der Raum der Raum und die Zeit die Zeit. Und obwohl er begreift, dass sich früh krümmt, was ein Häkchen werden will, begreift er überhaupt nicht, wie es möglich sein soll, dass sich der Raum krümmt …

Als mir diese Geschichte erzählt wurde – man rief einen Physiker, er redete allerlei dummes Zeug, bloß, um dem Sterbenden seinen letzten Wunsch zu erfüllen –, stieg in mir zuerst eine große Angst und dann eine große Erleichterung auf. 99,99 Prozent des Wissens darüber, wie die Welt funktioniert und was sie im Innersten zusammenhält, wird mir für immer verschlossen bleiben. Ich weiß nicht einmal, was es bedeutet, dass Gott existiert, der, da bin ich mir tausendprozentig sicher, trotzdem existiert.

Meine Frau, die gerade die Jalousien hochzieht, sagt in den Morgendämmer hinein: „Der Schnee hängt schon vom Himmel.“ Das verstehe ich. Obwohl: Wie kann der Schnee vom Himmel hängen? Und was den Himmel betrifft: Er ist mir sowieso ein Mysterium. Ich werde eines nicht allzu fernen Tages als ein Unwissender mitten unter lauter Dingen sterben, die mir wundersam geblieben sind – ein Umstand, der mich erleichtert, weil er mich hoffen lässt.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen.