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Digital History

Der Irrtum der Zeitmaschinisten

von Urs Hafner / 29.05.2016

Auch in den Wissenschaften gibt es zweifelhafte Modeerscheinungen. Die Digital History zum Beispiel: Sie will die Methoden der Geschichtswissenschaft modernisieren – und führt in eine Regression.

Wissenschaft ist die streng institutionalisierte Suche nach Wahrheit. Wissenschaft ist aber auch eine Stimmungsarena. Das Neue lockt nicht bloß als Erkenntnis, sondern auch als Mode. Plötzlich tritt eine Bewegung mit dem Versprechen auf: Wir forschen besser, unsere Methode ist erfolgversprechender, wir sind die Zukunft. In der Geschichtswissenschaft ruft derzeit die sogenannte Digital History einen Paradigmenwechsel aus. Ihr Credo: Dank der digitalen Kommunikationsmöglichkeiten und der massenhaften Bereitstellung und Auswertung von Daten und Quellen aller Art werde die Geschichtswissenschaft bald schon ein umfassenderes Bild der Vergangenheit liefern. Sie werde sich grundlegend verändern, sie werde „empirischer“, präziser, zeitgemäßer.

Google-Maps-Geschichte

Nur schon die Ankündigung einer „Revolution“ kann die Wissenschaft beleben. Sie animiert die Forscherinnen und Forscher, die proklamierten neuen Methoden und Untersuchungsobjekte gegen die hergebrachten abzuwägen und sich Gedanken zu den theoretischen Grundlagen des Fachs zu machen. Vielleicht führt auch die Digital History zu einer Besinnung in der Zunft der Historiker. Dann hätte sie immerhin einen Nutzen gehabt. An ihrem Auftritt lässt sich unschwer erkennen, dass ihr der Sinn für das Historische abgeht. Die Digitalisierung der Geschichte, wie die Digital History sie propagiert und praktiziert, führt zu ihrer Trivialisierung. Die Revolution ist eine Regression.

Als Leuchtturm der neuen Methodik wird oft und gern die Venice Time Machine angeführt (vtm.epfl.ch), ein gigantisches geschichtswissenschaftliches Projekt der Ecole polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) und der Universität Venedig. Zum Teil von privater Seite finanziert, digitalisieren und indexieren rund hundert Forschende nicht weniger als achtzig Kilometer Archivakten und Tausende historiografischer Monografien. Als Resultat winkt, wie Frédéric Kaplan, Leiter des Digital Humanities Laboratory der EPFL und Spezialist für künstliche Intelligenz, in einem Werbevideo verkündet, ein „Google Maps“ von Venedig der letzten tausend Jahre. Den Forschern ist also allen Ernstes die durch Fotos zusammengesetzte Ansicht der Stadt das Vorbild, das „historisiert“ werden soll. In multidimensionalen Modellen soll möglichst jeder Aspekt der „Evolution“ Venedigs dargestellt werden. Man wird also wissen können, wie die Stadt im Jahr X aussah, wo man ein Boot besteigen konnte, was ein Brot kostete. Von selbst versteht sich, dass die Touristen eine wichtige Zielgruppe dieser „angewandten Geschichte“ sind.

Die Vorstellung der Zeitmaschinisten ist so naiv wie größenwahnsinnig: Je mehr historische Daten ich dem Rechner füttere, ein desto vollständigeres Bild der Vergangenheit wird er mir liefern – als ob man Vergangenheit wie ein Kulissendorf wiedererrichten könnte. Natürlich ist eine „histoire totale“ schon länger der Traum der Historiker. Möglichst viel über den versunkenen Kontinent des Vergangenen herauszufinden, über das Leben und Sterben seiner verschwundenen Bewohner: Um dieses Ziel zu erreichen, muss der Historiker dem Lauf der Dinge mehr als ein Schnippchen schlagen. Aber wohl kaum je in der Geschichte der Historiografie ist dieser Traum mit so viel Technik (und so vielen finanziellen Mitteln) so einfältig geträumt worden.

Die Gegenwart schreibt wahre Romane

Soeben hat der Historiker Guido Koller eine informative Einführung zur Digital History und zu ihrer „stillen Revolution“ vorgelegt („Geschichte digital“, Kohlhammer). Zu Recht betont er, dass am Ende das Interpretieren der Quellen eine analoge Angelegenheit bleibe. Diese Arbeit, es ist seine wichtigste, nimmt dem Historiker keine Maschine ab. Doch auch Koller ist euphorisiert: Bald werde dem Historiker, vermutet er, die digital erschlossene Vergangenheit so „dynamisch“ erscheinen wie die Gegenwart. Und in dreißig Jahren werde man nicht viel mehr wissen über den Schuldenabbau in Griechenland als letztes Jahr, weil wir dank Social Media schon jetzt so viel darüber wüssten.

Was macht der Historiker, wenn er die Vergangenheit erforscht? Man frage die Franzosen, die Virtuosen des Nachdenkens über die Geschichte. Paul Veyne, der große Althistoriker, hat 1971 in „Comment on écrit l’histoire“ das treffliche Bild skizziert, wonach die Geschichte eine von Leben nur so wimmelnde Großstadt sei, auf die der Historiker aus großer Höhe herabschaue. Die Perspektive zwinge ihn zur Frage: Wo, in welcher Straße, bei welchen Menschen soll ich ansetzen mit meiner Erzählung und Erklärung? Der Historiker muss aus der unendlichen Vielfalt an „Quellen“ auswählen und sich für eine Frage und ein Thema entscheiden. Auf dieser Grundlage schreibt er seine Geschichte. Er stellt aus der Gegenwart bestimmte Fragen an die Vergangenheit, die selbstredend nicht beliebig zu beantworten sind. Der Historiker verfasst, wie Paul Veyne sagt, einen „wahren Roman“. Jede Gegenwart schreibt neue wahre Romane, auch in dreißig Jahren noch.

Kein Sinn für Melancholie

Wenn doch die Adepten der Digital History, da sie schon methodologisch so gedankenlos sind, wenigstens einen Sinn für Melancholie hätten! Michel de Certeau, auch er ein französischer Geschichtstheoretiker, hat geschrieben, dass die Geschichtswissenschaft, die vom unwiederbringlich Verlorenen handle, sowohl eine Science-Fiction als auch eine Trauerarbeit sei. Dass man die Vergangenheit auf einer chronologischen Achse inventarisiere, sei ein Verdrängungsakt angesichts der Vergänglichkeit. Gegen die Vergänglichkeit fährt die Digital History ihren zeitblinden, unsensiblen Szientismus auf.