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Experten-Interview

„Der Islam geht mit Sexualität viel entspannter um als das Christentum“

von Elisalex Henckel / 27.01.2016

Was hat Köln mit dem Islam zu tun? Ein Gespräch mit dem muslimischen Reformtheologen Mouhanad Khorchide über Geschlechtertrennung, Übersexualisierung und die Darstellung der Frau im Koran. 

Professor Khorchide, Sie haben nach den Ereignissen von Köln in einer Kolumne für Die Furche geschrieben: In vielen islamischen Ländern stehen sexuelle Übergriffe, wie jene auf dem Kairoer Tahrirplatz während des Arabischen Frühlings, auf der Tagesordnung. In diesen Ländern sei eine „starke Sexualisierung der Geschlechterverhältnisse“ im Namen des Islam zu beobachten. Ist das wirklich im Sinne des Korans? Mouhanad KhorchideMouhanad Khorchide wurde 1971 in Beirut geboren und wuchs in Saudi-Arabien auf. Im Alter von 18 Jahren kam er nach Wien und wurde wenige Jahre später österreichischer Staatsbürger. Er studierte Soziologie und Islamische Theologie und lehrte nach seinem Abschluss an der Universität Wien und an der IRPA. Seine Dissertation über Islamischen Religionsunterricht in Österreich erregte 2009 großes Aufsehen, weil daraus hervorging, dass ein Fünftel aller Religionslehrer Demokratie für unvereinbar mit dem Islam hielten. Seit 2010 leitet er das Zentrum für Islamische Theologie an der Universität Münster. Sein jüngstes Buch „Gott glaubt an den Menschen“ ist 2015 im Herder-Verlag erschienen. : Nein. Es ist sehr wichtig, dass man den Koran in seinem historischen Kontext liest. Im 7. Jahrhundert gab es ein Machtgefälle zwischen Mann und Frau, und das spiegelt sich in den religiösen Texten wider. Die Menschen, die alles wörtlich nehmen, was vor 1400 Jahren geschrieben wurde, haben eines nicht verstanden: Bei Religion geht es nicht um den Wortlaut, sondern darum, die Gläubigen zu mündigen, freien Menschen zu erziehen. Das heißt, wir müssen immer vordenken, auch den Koran. Wir müssen uns fragen, was würde uns der Koran im 21. Jahrhundert sagen?

Und was würde uns der Koran heute über die Beziehung zwischen Mann und Frau sagen?

Er betont, dass Mann und Frau vor Gott gleich sind. Das ist wichtig, weil sie damit auch in der Gesellschaft gleich gestellt sein sollten. Denken Sie etwa an die Schöpfungsgeschichte. Anders als in der Bibel, wo Eva als Erste nach dem Apfel vom Verbotenen Baum greift, ist es im Koran Adam, der sich versündigt. Da greift der Koran also korrigierend ein und sagt: Moment, wenn in der Bibel die Frau mit dieser Sünde belastet wird, ist das nicht in Ordnung. Er schreibt stattdessen die Sünde Adam zu, weil der auch für den Menschen als solchen steht. Aber es gibt natürlich auch Stellen im Koran, die auf den ersten Blick nicht gerade frauenfreundlich wirken.

Welche meinen Sie?

Die vierte Sure, zum Beispiel. Im elften Vers heißt es, Töchter sollen nur halb so viel erben wie die Söhne. Im 34. Vers steht sogar: Und diejenigen, deren Widersetzlichkeit ihr befürchtet, ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.

Wie kann man aus diesem Vers etwas anderes herauslesen als eine Aufforderung, Eheprobleme mit Gewalt zu lösen?

Schauen Sie sich den Vers genauer an: Da geht es zunächst darum, miteinander zu reden, dann darum Intimitäten zu meiden, damit die Sehnsucht nach dem Partner größer wird. Der Koran betrachtet die Frau als Subjekt, nicht als Objekt. Er empfiehlt, ihre Anliegen ernst zu nehmen. Er reiht die Gewalt an die letzte Stelle zurück. Das war für die Menschen im 7. Jahrhundert etwas ganz Neues. Und auf Grund der Veränderung, die der Koran damit einführen wollte, interpretiere ich den Vers nicht als Legitimation von, sondern als Absage an Gewalt. Er erinnert uns: Es gibt bessere Mittel, Konflikte zu lösen.

Ednan Aslan sagte vor kurzem in einem Interview mit dem Standard sinngemäß, Köln habe sehr wohl mit dem Islam zu tun. Es gebe sehr viele theologische Werke, die die Frau als Werkzeug des Mannes darstellen. Als minderwertiges Wesen.

Es stimmt, in der islamischen Tradition gibt es bis heute sehr frauenfeindliche Gelehrtenmeinungen. Es gibt sogar frauenfeindliche Aussagen, die dem Propheten Mohammed in den Mund gelegt werden – wie jene, dass die Hölle hauptsächlich mit Frauen gefüllt sei. Von diesen Positionen und Aussagen müssen wir uns heute ohne Wenn und Aber verabschieden. Aber damit Köln erklären? Ich weiß nicht. Die Leute waren betrunken, liest man. Besonders fromme Muslime können das also nicht gewesen sein. Eher Menschen aus bildungsfernen Milieus, die zu Hause nie gelernt haben, wie man respektvoll miteinander und mit Frauen umgeht.

In der Silvesternacht kam es rund um den Kölner Dom zu hunderten sexuellen Übergriffen auf Frauen. Laut Opfer- und Zeugenaussagen wurden sie vor allem von jungen Männern aus dem nordafrikanisch-arabischen Raum begangen. In anderen Großstädten gab es ähnliche Vorfälle. Sie führten zu einer hitzige Debatte über die Ursachen von Gewalt an Frauen.
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Woran liegt es dann, dass sexuelle Übergriffe in vielen islamischen Ländern an der Tagesordnung stehen?

An patriarchalischen Strukturen. Ihre Vertreter fördern eine Lesart des Islam, die diese Strukturen legitimiert und festigt. Sie betonen die Überlegenheit des Mannes und reduzieren die Beziehungen zwischen Männern und Frauen auf Sexualität. So begründen sie eine strenge Trennung der Geschlechter, die wiederum dazu führt, dass junge Leute gar nicht lernen können, wie man unverkrampft, aber anständig miteinander umgeht.

In einem langen Artikel über „Geschlecht und Islam“ argumentierte die FAZ vor kurzem, der klassische Islam sei alles andere als prüde gewesen. Er begreife „Lust und Sexualität als Möglichkeit der persönlichen Entfaltung und als Gottesgeschenk, als Vorgeschmack auf die Freuden des Paradieses“ – vorausgesetzt Mann und Frau sind verheiratet. Stimmen Sie zu?

Nein, ich verstehe das Paradies keinesfalls als Ort der Entfaltung von Sexualität. Wenn der Koran in diesem Zusammenhang von Essen, Trinken und Sexualität spricht, dann verstehe ich das als Metaphern für Glückseligkeit, nicht als Endziele des Lebens. Aber man kann schon sagen, dass der Islam mit dem Thema Sexualität viel entspannter umgeht als das Christentum. Es geht nicht nur darum, Kinder zu bekommen. Sexualität ist ein Wert an sich, den man genießen darf und sollte, solange er im geschützten Rahmen der Ehe stattfindet.

Die Reduktion der Frau zu einem Sex-Objekt sei das Resultat einer politischen Instrumentalisierung der Religion, heißt es in dem FAZ-Artikel weiter. Die Autorin nennt dabei vor allem die Muslimbruderschaft: „Anstatt die emanzipatorischen Ansätze des Korans weiterzuentwickeln und damit die patriarchalen Strukturen aus vorislamischer Zeit aufzuweichen, propagierte sie religiöse Dogmen und sexuelle Prüderie. Salafisten und Wahabiten bliesen ins selbe Horn.“

Ja, Wahabiten und Muslimbrüder versuchen, den Islam in einen Machtapparat umzuwandeln. Dazu gehört auch die Macht über die Frau. Aber diese Ideologien verachten letztendlich nicht nur die Frau, sondern alle freien Menschen. Sie lehnen freie Geister, Reformen, jede Form der Kontextualisierung des Korans ab. Sie brauchen diesen patriarchalischen, restriktiven Gott an ihrer Seite, um ihre Machtansprüche zu legitimieren. Aber wir sollten das Thema nicht zu stark islamisieren. Patriarchalische Strukturen gibt es auch unter Christen, Juden oder Agnostikern. Denken Sie an den neuen Papst. Er hat viele Reformimpulse eingebracht, aber als es um Erziehung ging, sagte er, ein kleiner Schlag auf den Po des Kindes sei nicht verkehrt.

Die Hunderttausenden, die derzeit nach Mitteleuropa flüchten, kommen aber nicht aus Südamerika, sondern vor allem aus islamischen Ländern. Wie können Menschen, die dort den respektvollen Umgang mit dem anderen Geschlecht nicht gelernt haben, das in Europa nachholen?

Indem wir sie aufklären, anstatt zu warten, bis eine Bombe hochgeht, wie in Köln. Wenn wir Flüchtlinge aufnehmen, können wir uns nicht darauf beschränken, Formulare auszufüllen. Auch Deutschunterricht alleine wird nicht reichen. Wir müssen versuchen, den Neuankömmlingen die Eigenheiten und Werte der europäischen Kultur näherzubringen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter, Säkularität, Demokratie, Freiheit.

Müssen wir mit Flüchtlingen auch über Sex reden?

Ich glaube, dass es wichtiger ist, über den Stellenwert des Menschen zu reden. Die Gestaltung der Beziehung zwischen Mann und Frau. Sexualität ist meiner Ansicht nur ein Symptom.

Wer soll das machen?

Weder der Staat noch die Zivilgesellschaft werden das alleine schaffen. Auch die Moscheegemeinden sind gefragt. Sie müssen den Menschen vorleben, wie sich europäische Werte mit islamischer Religiosität verbinden lassen.

Geschieht das in ausreichendem Maß?

Wir haben ein generelles Problem in Deutschland, Österreich und der Schweiz: Die meisten Imame kommen immer noch aus dem Ausland und sprechen oft nicht Deutsch. Dadurch können sie auf politische oder gesellschaftliche Debatten nicht entsprechend reagieren. Umso wichtiger ist es, Imame im eigenen Land und in der eigenen Landessprache auszubilden, wie es Österreich jetzt vorhat. Die Imame sollen den Gläubigen schließlich auch vermitteln, wie man gleichzeitig ein frommer Muslim und ein loyaler Bürger Europas sein kann.


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Kommenden Montag diskutiert Mouhanad Khorchide auf Einladung des Außenministeriums mit Andrea Brehm, der Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser, und Lilian Hofmeister, Mitglied im UN-Ausschuss für die Beseitigung der Diskriminierung der Frau und Ersatzmitglied des VfGH, über das Thema „Nach Köln: Werte in Zeiten der Flüchtlingskrise“ (1. Februar, 10 bis 12 Uhr im Alois-Mock-Saal des Bundesministeriums für Europa, Integration und Äußeres, Minoritenplatz 8, 1010 Wien – Anmeldung unter veranstaltung.integration@bmeia.gv.at).