Der islamistische Terror und die Logik des Endspiels: Apokalyptiker am Ball

Meinung / von Eduard Kaeser / 02.07.2016

Der islamistische Terrorismus mag einem schwer entwirrbaren Knäuel von Motiven und Ursachen entspringen. Klar erkennbar ist aber ein Denken, das sich aus der Vorstellung eines apokalyptischen Showdowns speist. Ein Gastkommentar von  Eduard KaeserEduard Kaeser, geboren 1948 in Bern, ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. Zuletzt erschien im Verlag Rüegger der Band „Trost der Langeweile: die Entdeckung menschlicher Lebensformen in digitalen Welten“ (2014). .

Der amerikanische Anthropologe Scott Atran ist Extremismus-Feldforscher. Seine Studien führen ihn mitten unter junge Männer, die für ihren Glauben sterben wollen, in Afghanistan, Pakistan, Indonesien, im IS-Territorium. Ihn interessiert, was unter der Balaklava vorgeht.

Im Gespräch mit einem Taliban-Kämpfer habe ihn eine „Epiphanie“ ereilt, erzählt Atran. Danach gefragt, wie der soziale Kontakt unter seinen Mitstreitern funktioniere, wenn sie nicht kämpften oder trainierten, antwortete der Taliban, sie spielten Fußball. Fußball bindet eine Gruppe sozial, eint sie, fokussiert sie auf ein Ziel. Ob Dschihad oder Fußballmatch, es gibt die Gläubigen und die Ungläubigen, die eigene Mannschaft und den Gegner, Sieg oder Niederlage, alles andere ist Nebensache: das Tertium non datur des Extremismus.

Eine verstörende Symmetrie öffnet sich plötzlich: Fußballfans unterstützen ihre Mannschaft mit oft geradezu religiösem Eifer; und religiöse Eiferer spielen in der Kampfpause Fußball.

Hüten wir uns vor Fehlschlüssen wie „Dschihadisten sind fehlgeleitete Fußballer“ oder „Fußballfans sind verkappte Extremisten“. „Vielleicht sterben sie für die Träume des Dschihad“, meint Atran, „aus der Hingabe an einen familienartigen Kreis von Freunden und Mentoren, die sich aktiv um ,Gleichartige‘ sorgen wie die US-Marines.“ Gewiss spiele die brachiale Interpretation der heiligen Schrift eine Rolle, aber bei seinen Interviews mit Dschihadisten beobachte er oft, dass sie herzlich wenig Bescheid über den Islam wüssten. Da müsse etwas anderes am Wirken sein.

Fußballfans unterstützen ihre Mannschaft mit oft geradezu religiösem Eifer; und religiöse Eiferer spielen in der Kampfpause Fußball.

Nun, was denn? Atran interessiert sich seit 9/11 für die religiöse Motivation menschlichen Handelns. Ihm fiel indes in seinen Befragungen schon früh auf, dass junge Männer sich oft aus anderen als religiösen Gründen dem Dschihad anschlossen. „Fußball, Paintball, Kampieren, Wandern, Rafting, Bodybuilding, Kampfkunst (…) schaffen einen Haufen Kumpel, die eine ,Bruderschaft‘ in einer einzigen heroischen Sache werden.“ Es genüge für gewöhnlich, dass sich einige wenige mit dieser Sache identifizierten, um den Rest zum loyalen Mitmachen bis in den Tod zu bewegen.

„Ein verlässlicher Prädikator für den Anschluss an den Dschihad [ist] die Mitgliedschaft in einer aktionsorientierten Gruppe, die zum Beispiel Paintball oder Fußball spielt“, so Atran. Deshalb solle man sich im Studium der religiösen Gewaltkeime vermehrt um den sozialen Gärteig, das „Bruderschaftliche“ im Extremismus kümmern. Eine Gegenmaßnahme „müsste darin bestehen, den sinnsuchenden, risikofreudigen, abenteuerlichen Geist der Jugend für heroische Taten zu mobilisieren“. Aber für einen Heroismus, der nicht darin besteht, sich und andere in die Luft zu bomben.

Wie tragfähig die empirische Basis für Scott Atrans These auch sein mag, sie provoziert einen Blickwechsel von der Religion zur Anthropologie, genauer: zu den sozialen Netzwerken von heute, zumal in den religiösen und kulturellen Zentren, in Treffpunkten und Sportklubs der Banlieues europäischer Metropolen. Und dadurch nimmt sie jener Agitprop den Wind aus den Segeln, die generell in der Religion, speziell im Islam, die Wurzel des Terrorismus ausmachen will.

Bezeichnenderweise schlägt Scott Atran besonders gehässige Kritik seitens der sogenannten neuen Atheisten entgegen, welche ihr simplistisches Rezept – Religion weg = Übel weg – durch seinen Erklärungsansatz infrage gestellt sehen. Er betreibe Exkulpation des Islams und sei deshalb geistig grenzwertig, lässt etwa der neo-atheistische Evangelist und Neurobiologe Sam Harris verlauten.

Terrorismus mag einem schwer entwirrbaren Knäuel von Motiven und Ursachen entspringen. Deutlich erkennbar ist aber ein virulentes Denken, das sich aus der Vorstellung eines apokalyptischen Showdowns speist. Es ist nicht auf den Islam beschränkt. Man denke nur an den Star-Wars-Präsidenten Reagan und das Armageddon-Splatter-Filmgenre mit seinen Rambo-Erlösern. Ein Clash der Endzeitvisionen. Und gerade deshalb sollten wir uns bewusstmachen, dass wir uns mit Attacken gegen „die“ Religion, gegen „den“ Islam, selbst schaden. Wir erzeugen just das konfrontative Klima, das der Dschihadist will: nämlich jenes einer apokalyptischen Klimax.

Die siebente Online-Ausgabe im Jahr 2015 des englischsprachigen IS-Magazins „Dabiq“ – der mythische Ort des Endkampfes – steht unter dem Titel „Auslöschung der Grauzone“. Ziel sei es, das ganze Spektrum zwischen Glauben und Unglauben auszuradieren, um so die Polarisation in Richtung finalen Krieg voranzutreiben.

Dann doch lieber das Finale mit dem Ball statt mit der Bombe!