Der Kampf des Islam gegen die Moderne: Mit der Macht bösen Zaubers

Meinung / von Kersten Knipp / 12.09.2016

Seit knapp zweihundert Jahren sperrt sich der fundamentalistische Islam gegen die Errungenschaften und Anstrengungen der Moderne. Dafür hat er stark religiöse, aber auch sehr konkrete machtpolitische Gründe.

Ein gutes Jahr ist es her, dass Deutschlands schöne Seelen von einem „Septembermärchen“ träumten. Dieses, so schien ihnen damals, würde die Wirklichkeit verzaubern und grundlegend verwandeln. Ein gutes Jahr und einige Landtagswahlen später ist das Märchen an der Wirklichkeit zerschellt, hat zumindest seine Anmut verloren. Dass es so kommen würde, hatten weitsichtigere Zeitgenossen freilich schon länger erwartet. Wer mehr als eine Million Menschen unkontrolliert ins Land lasse, meinten sie damals warnend, müsse mit einigen zumindest gewöhnungsbedürftigen Ankömmlingen rechnen.

Die vielen unerbaulichen, verschämt beiseitegewischten Meldungen aus vielen Flüchtlingsunterkünften sind eindeutig: Auch religiöse Hardliner sind angekommen. Sie blicken zurück auf eine knapp zweihundert Jahre alte Tradition. Diese artikulierte sich erstmals, nachdem Napoleon Bonaparte 1798 für einige Monate Alexandria und Kairo eingenommen hatte – handstreichartig beinahe, ohne auf nennenswerten Widerstand zu treffen. Der Triumph der Eroberer war für die ägyptische Elite ein Schock.

Unbehagen am Atheismus

Um dessen Ursachen zu ergründen, reisten – auf Einladung der Franzosen – Generationen ägyptischer Studenten nach Paris. Ihre Aufgabe: die Zivilisation der Gastgeber auf ihre Anwendbarkeit im Land am Nil zu überprüfen. Der Leiter der ersten Delegation, Scheich Rifa’a Rafi‘ al-Tahtawi, war angetan vom kulturellen Reichtum der Seine-Stadt, ausdrücklich auch von deren religiöser Toleranz. Unbehagen bereitete ihm allerdings der unter der französischen Intelligenzia verbreitete Atheismus: „In den philosophischen Wissenschaften haben sie allerdings manch irreführendes Füllwerk, das im Widerspruch zu sämtlichen Offenbarungsreligionen steht, und darauf bauen sie Beweise auf, die schwer zu widerlegen sind.“

Eine allzu kritische Koran-Exegese hätte die Hüter der Tradition um Amt, Macht und Würde gebracht.

Schwer zu widerlegende Argumente lassen zweierlei Reaktionen zu: Man kann sich auf eine Diskussion einlassen und klüger aus ihr hervorgehen – um den Preis allerdings, nicht mehr ganz so glänzend dazustehen, einräumen zu müssen, weltanschaulich nicht mehr auf der Höhe der Zeit zu sein. Das mag weh tun – vor allem dann, wenn die Weltanschauung zugleich Grundlage institutioneller Macht ist. Oder aber man stellt sich den Herausforderungen. Ein Teil der ägyptischen Intellektuellen tat das. Sie forderten eine Erneuerung des religiösen Denkens. Allein, ihr Ruf wurde nicht gehört. „Die Lehrer waren gewohnt, uns grammatikalische oder rechtswissenschaftliche Begriffe zu lehren, die wir nicht verstanden“, schrieb der 1849 geborene Muhammad Abduh, der spätere ägyptische Grossmufti. „Aber sie nahmen sich keine Zeit, uns deren Bedeutung zu erklären.“

Verhärtung des Islam

Die Lehrer – und mit ihnen die etablierten Theologen – wussten, warum sie sich hermeneutischen Übungen entzogen. Eine allzu kritische Koran-Exegese hätte sie, die Hüter der Tradition, über kurz oder lang um Amt, Macht und Würde gebracht. Doch ihre Weigerung hat weitere, teilweise vielleicht sogar gute Gründe: In jenen Jahren – insbesondere nach der Eröffnung des Suezkanals 1869 – hielt der Kapitalismus Einzug in Ägypten. Dass Zeit fortan Geld ist, hatten die Ägypter bald begriffen. Insbesondere in Kairo stieg der Erwerbsdruck. Nicht wenige Menschen entflohen ihm in Spielsucht, Prostitution und Alkoholismus – für die Hüter der Tradition ein gewichtiges Argument, ihre Schutzbefohlenen von der Schädlichkeit der westlichen Moderne zu überzeugen. Fortan befinden sie sich im Kulturkampf.

An dessen vorderster Front steht der Islam. Die Lehre verhärtet sich, verliert an Elastizität. Die Auswirkungen der ideologischen Verhärtung beobachtete der französische Islamwissenschafter Ernest Renan 1883 am Verhalten heranwachsender Muslime. „Mit Beginn seiner religiösen Initiation, im Alter von zehn oder zwölf Jahren, wird ein islamisches Kind, das bis dahin ganz aufgeweckt war, mit einem Mal fanatisch. Es ist auf dümmliche Weise stolz, etwas zu besitzen, was es als die absolute Wahrheit erachtet, glücklich über ein scheinbares Privileg, das doch seine Unterlegenheit ausmacht. Dieser verrückte Stolz ist das grundlegende Laster der Muslime.“

„Der weisse Mann, sei er Europäer oder Amerikaner, ist unser erster Feind. Das müssen wir bedenken.“

Dieser wenn nicht verrückte, so doch verletzte Stolz nahm fortan eigene Wege. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte artikulierte er sich auf unterschiedlichste Weise. Darüber gingen berechtigte soziale und politische Anliegen und kulturelle Chauvinismen teilweise bizarre Bindungen ein.

So etwa schilderte Sayyid Qutb, der 1966 unter Nasser hingerichtete Vordenker der ägyptischen Muslimbrüder, seinen Lesern die Eindrücke eines knapp zweijährigen Aufenthalts in den USA. „Wie sehr brauche ich jemanden, mit dem ich über anderes sprechen könnte als über Geld, Filmstars und Automodelle“, hält er fest. Später wird Qutb auch einige rassistische Erfahrungen machen – um daraus nicht minder rassistische Schlussfolgerungen zu ziehen. „Der weisse Mann, sei er Europäer oder Amerikaner, ist unser erster Feind. Das müssen wir bedenken und daraus einen Grundstein unserer Aussenpolitik wie auch der nationalen Bildung machen.“ Das, findet Qutb, darf nicht ohne Folgen bleiben: „Wir müssen in unseren Schulkindern Gefühle wachsen lassen, die ihre Augen für die Tyrannei des weissen Mannes öffnen, seine Zivilisation und seinen tierischen Hunger.“

Gut ist, was fremd ist

Qutb lieferte nicht nur religiösen Hardlinern eine Reihe bis heute beliebter islamistischer Topoi. Indem er sie mit antiimperialistischen Motiven vermengte, stiessen sie zumal bei der antiautoritären Linken im Westen auf gewisse Sympathien. Derzeit schliessen sie auf subtile Weise an die deutschen Verhältnisse an. Dort treffen sie auf eine postnazistische Schamkultur, die noch in der Toleranz gegenüber den exotischsten ideologischen Versatzstücken Erlösung vom Sündenfall der NS-Zeit zu finden hofft. Unter dem Druck ihres historischen Traumas setzen nicht wenige Deutsche auf beinahe alles, was fremd, exotisch, „anders“ ist.

Ohne genauer hinzuschauen, begrüssen die Anhänger der Willkommenskultur alles Fremde.

Diese Erlösungshoffnungen machen islamische Fundamentalisten und Teile der ideologisch motivierten Willkommenskultur zu strukturellen Verwandten. Beide offenbaren eine Schwäche für geordnete Weltbilder und ein Denken in klaren Freund-Feind-Kategorien, das freilich auch Kennzeichen jener ist, die in ihrer nationalistischen Verbohrtheit am liebsten jede Einwanderung unterbinden wollen. Ohne genauer hinzuschauen, begrüssen die Anhänger einer uneingeschränkten Willkommenskultur alles, was fremd ist.

Der Grund für den Hang zum Exorzismus des Eigenen liegt auf der Hand: Er beschert ein gutes Gewissen. Er lässt vergessen, dass der Multikulturalismus Grenzen nicht aufhebt, sondern nur verschiebt. Diese mögen zum Teil nicht mehr entlang ethnischer Linien verlaufen, womit sie unübersehbar den Abschied von dunklen Zeiten dokumentieren. Dafür aber akzentuieren sie die sozialen und ökonomischen Hierarchien umso härter. Die erträumte Gesellschaft mag im oberen Segment zwar bunt sein – im unteren dafür aber umso grauer, trostloser, bedürftiger.

Fluten von Fatwas

Die religiösen Fundamentalisten aller Couleur im Nahen Osten lockt nicht zuletzt der Machtgewinn, den ihre Ideologie garantiert. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als in Saudiarabien. Um etwa die Legitimität der politischen Herrscher zu beurteilen, gab der 1703 geborene Muhammad ibn Abd al-Wahhab, Begründer des zur Staatsreligion erhobenen Wahhabismus, scheinbar klare Kriterien an die Hand: Die Legitimität politischer Herrschaft sei daran zu bemessen, inwieweit sie sich nach den Vorgaben Gottes richte.

So weit, so gut. Die Frage war (und ist) nur: Was erlaubt Gott, und was verbietet er? Um das zu klären, haben saudische Religionsgelehrte allein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rund 30 000 Fatwas, religiöse Rechtsgutachten, veröffentlicht, und zwar zu allen nur erdenklichen Fragen. Als „Verzauberung der Welt“ bezeichnet die saudische Religionsanthropologin Madawi al-Rasheed den nie versiegenden Fatwa-Fluss. Es ist ein böser Zauber. Denn er hat vor allem einen Zweck: Er lenkt die Aufmerksamkeit der Menschen ganz auf die Religion. Stets auf die Frage fixiert, ob man ein gottgefälliges Leben führe, bleibt dem Einzelnen für politische Fragen kaum Zeit. Was passiert, wenn die Gedanken plötzlich frei werden, hat die revolutionäre Euphorie zu Beginn des Arabischen Frühlings deutlich gemacht. Nicht zufällig werden die Religionsgelehrten für diese Domestizierung der Aufmerksamkeit der Massen von den Mächtigen fürstlich entlohnt.

Stets auf die Frage fixiert, ob man ein gottgefälliges Leben führe, bleibt dem Einzelnen für Politik kaum Zeit.

Nicht wenige Muslime beginnen diese religiös abgekarteten Machtspiele zu durchschauen. In den sozialen Netzwerken wird von einer Jugendsekte fanatischer Islamisten der Hass gegen den Westen geschürt und der Kult des Todes propagiert, zugleich aber schreitet auf denselben Kanälen die Individualisierung der islamischen Gesellschaften fort und wachsen bei der urbanen Jugend die innere Emigration und der ideelle Widerstand. Der brutale syrische Bürgerkrieg tut das Seine, die Menschen ausser Landes zu treiben. Dem Terror heimischer Despoten entronnen, schätzen gerade viele Flüchtlinge Demokratie und Rechtsstaat.

So kann man denn hoffen, dass die kulturellen Aushandlungsprozesse der Zukunft die Geschmeidigkeit multiethnischer Gesellschaften weiter wachsen lassen werden. Aufseiten der Liberalen setzt das ein hohes Selbstbewusstsein voraus. Das aber ist zumindest in Deutschland bis jetzt allenfalls in Ansätzen vorhanden.

Kersten Knipp ist Autor und Journalist. Dieser Tage erscheint im Theiss-Verlag sein Buch „Nervöser Orient. Die arabische Welt und die Moderne“.