APA/ERWIN SCHERIAU

Augsteins Traum

Der linke Traum von der rechten Revolution

Meinung / von Michael Fleischhacker / 09.03.2016

Dass die extreme Linke und die extreme Rechte viel gemeinsam haben, dass man nur weit genug nach links gehen muss, um am rechten Rand anzukommen, gehört inzwischen zu den ideengeschichtlichen Binsenweisheiten, für die es auch biografische Belege in ausreichender Zahl gibt. Peter Sloterdijk hat die Verwandtschaft zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus begrifflich markiert, indem er Letzteren als „Linksfaschismus“ zu bezeichnen begann.

Der Gedanke ist nicht einmal besonders originell, sondern eigentlich nur zwingend: Natürlich haben zwei kollektivistische Ideologien, die sich im Wesentlichen dadurch unterscheiden, dass die einen den Rassenfeind zur Tötung ausschreiben und die anderen den Klassenfeind, mehr miteinander zu tun als mit jeder politischen Idee, die das Individuum vor das Kollektiv stellt. Das war immer so und ist auch heute noch so. Nicht zufällig sind die inhaltlichen Zugänge der FPÖ und von Teilen der SPÖ zum Thema Ausländer mit freiem Auge nicht unterscheidbar: Personenfreizügigkeit und Freihandel sind für beide neoliberales Teufelszeug, machtvolle Instrumente in der Hand der bösen Kapitalisten zum Zweck der Ausbeutung der heimischen Werktätigen.

Augstein, der Versöhner

In Deutschland arbeitet derweil der schicke Millionärssohn Jakob Augstein am historischen Versöhnungswerk zwischen rechten Revolutionären und linker Salonguerilla. In seiner Kolumne auf Spiegel Online schreibt er dieser Tage so luzide Sachen wie diese:Die AfD überrollt Deutschland. Wir erleben eine Revolution. Und wie jede Revolution hat auch diese ihre Berechtigung: Der Kapitalismus ist krank. Irgendjemand muss ihn heilen. Medien und Politik tun sich schwer, das zu erkennen. Sie müssten ihr eigenes Verschulden zugeben: Jahrzehntelang klatschten sie Beifall, während der Neoliberalismus unsere Gesellschaften vergiftet hat.“

Herr Augstein scheint ein wenig neidisch zu sein auf den revolutionären Elan der rechten Outlaws. Es würde ihm, so klingt es, nicht schlecht gefallen, wenn er es wie Bruce Wayne in Batman machen könnte, nur mit verkehrtem Tag-Nacht-Rhythmus: Nachts als glutäugiger Salondiskutant reüssieren, tagsüber unerkannt die Kapitalisten aufmischen. Dieser Neid liest sich ungefähr so: „Die Menschen, die die Häuser der Asylbewerber anzünden, sind Verbrecher. Aber täuschen wir uns nicht: Sie sind erfolgreiche Verbrecher. Die Menschen, die ausspucken, wenn die Flüchtlinge an ihnen vorbei zu ihren Quartieren gebracht werden, sind Unmenschen. Aber täuschen wir uns nicht: Ihre Unmenschlichkeit setzt sich durch. Von der Gewalt auf der Straße bis zu den Leitartikeln in der FAZ schicken sich die Rechten an, die kulturelle Hegemonie zu erobern.“

Herr Augstein muss nicht traurig sein. Wahrscheinlich unterschätzt der hauptberufliche Sohn den Beitrag, den er schon jetzt zur von ihm so heiß ersehnten Revolution leistet. Denn man kann getrost davon ausgehen, dass sein pseudorevolutionäres Geschwätz noch viele Alt-Achtundsechziger in die Arme der AfD oder gar auf die Straße treibt, die sich auf dem langen Marsch von halb links nach ganz rechts befinden, weil sie das Vollkasko-Paket, das ihnen der verdammte Kapitalismus gemeinsam mit der Biokiste aus der Uckermark und dem Spiegel-Abo aus dem Hause Augstein vor die Tür gelegt hat, eigentlich gar nicht so übel finden.

Dort kann er ihnen ja, wenn er nach durchdachter Nacht den Harris-Tweed gegen die Bomberjacke getauscht hat, erklären, was er meint. Soll noch einer sagen, Revolutionäre hätten keinen Humor.