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Der „Lügenpresse“-Vorwurf ist eine Verharmlosung

Meinung / von Michael Fleischhacker / 28.01.2016

Seit geraumer Zeit treibt mich ein konkreter Verdacht um, ich habe ihn auch in sehr vorsichtiger Form bereits das eine oder andere Mal geäußert: Das Hauptproblem am sogenannten „Lügenpresse-Vorwurf“, also an der Unterstellung, dass sich die Medien in ihrer Berichterstattung nicht um möglichst akkurate Beschreibung der Wirklichkeit bemühen, sondern um eine Befestigung ihrer ohne Anschauen der Welt zustande gekommene Weltanschauung, das Hauptproblem an diesem Vorwurf also ist – dass er zutrifft.

Ein wenig fühle ich mich zu dieser klareren Formulierung eines latenten Verdachts durch die ziemlich unzweideutigen Formulierungen ermutigt, die Peter Sloterdijk in seinem Interview mit dem Magazin Cicero gefunden hat. Zunächst wird er dort gefragt, ob es denn nicht ein Alarmsignal für die Demokratie sei, dass selbst er, Sloterdijk, als aufgeklärter und gebildeter Mensch sagt, dass man keinem Politiker trauen könne. Sloterdijk erinnert an Jean-Claude Junckers Diktum „Wenn es ernst wird, musst du lügen“ und ergänzt: „Juncker ist kein Zyniker. Er ist ein redlicher Arbeiter in der wahrheitslosen Sphäre, die man Politik nennt. Insofern ein Journalist.“

Bezahlt für das Sich-Gehen-Lassen

Auf die Frage der Cicero-Kollegen, ob er also glaube, dass sich der Journalismus die Realität zurechtbiege, antwortet der Philosoph: „Das Wort ,Lügenpresse‘ setzt mehr Harmlosigkeit voraus, als es in diesem Metier gibt.“ Und weiter: „Journalisten sollten sich klarmachen, dass sie immer die dritte Partei sind, nicht Ankläger, nicht Verteidiger, nicht Darsteller, nicht Gegendarsteller. Ohne den Dritten sind die streitenden Zwei a priori verloren. Heute treten die Verwahrlosung im Journalismus, die zügellose Parteinahme, allzu deutlich hervor. Wo gibt es noch eine Bemühung um Neutralisierung, um Objektivierung, hoch ausgedrückt: Um Vergeistigung? Die angestellten Meinungsäußerer werden für Sich-Gehen-Lassen bezahlt, und sie nehmen den Job an.“

Es kann in der „Lügenpresse“-Debatte längst nicht mehr nur um die Frage gehen, ob es so etwas wie einen linksliberalen Mainstream in der Branche gibt, der sich vor allem in den öffentlich-rechtlichen Medien manifestiert. Ja, den gibt es, aber der ist eigentlich nicht das Problem. Denn natürlich sind jenseits der Tatsache, dass das linksliberale Milieu in den öffentlichen Anstalten sich größenmäßig ziemlich exakt indirekt proportional zur Zahl der sie finanzierenden Konsumenten verhält (was die betroffenen Journalisten als Beweis für die Notwendigkeit ihrer Haltung zu nehmen pflegen) auch konservative oder liberale Journalisten nicht davor gefeit, „sich gehen zu lassen“, also einen asymmetrischen Blick auf die Welt zu entwickeln, der Ereignisse und Daten, die das selbst vorfabrizierte Bild der Realität elegant vervollständigen, besonders intensiv wahrnimmt, während er in Bezug auf irritierende Fakten und Ereignisse akute Sehschwächen entwickelt.

Selbstreflexion legt die Verharmlosung offen

Dass das so ist, wird niemand ernsthaft bezweifeln, der sich nicht lächerlich machen will. Schon an diesem Punkt müsste man also ganz einfach eingestehen, dass der „Lügenpresse“-Vorwurf im Kern zutrifft, so sehr sich das eine oder andere Medium auch bemühen mag, sich der eigenen ideologischen Deformationen bewusst zu sein. Als Verharmlosung tritt der „Lügenpresse“-Vorwurf dort zutage, wo sich Medien unter dem steigenden Druck ihrer Konsumenten genötigt sehen, die eigenen Entscheidungs- und Meinungsbildungsprozesse transparent zu machen, um dem immer skeptischeren Publikum den Eindruck von Meinungspluralismus und Objektivitätsbemühen zu vermitteln. Verbunden wird dieser Versuch in der Regel mit der Klage über das eigene Arbeitsleid.

Zuletzt hat das in Österreich der Standard vorexerziert. Am Wochenende veröffentlichte das Blatt auf seiner Website Teile einer Mail-Debatte, die man nach einer Redaktionskonferenz geführt hatte, in der eine konkrete Frage diskutiert wurde: Ob es nämlich vertretbar oder sogar zwingend sei, die Nationalität eines Mannes zu nennen, der im Prater eine Frau vergewaltigt hatte. Es hatte sich um einen afghanischen Asylwerber gehandelt, und die Ansichten darüber, ob dieses Faktum Teil der Berichterstattung zu sein habe oder nicht, gingen auseinander. Es war in der Tat interessant, die unterschiedlichen Einschätzungen unterschiedlicher Journalisten zu diesem Thema präsentiert zu bekommen.

Balance zwischen Ethik und Glaubwürdigkeit

In der Einleitung zur Publikation des Mailverkehrs schrieb die Redaktion über ihre Motivation zu diesem Schritt und bekannte, dass es in Zeiten wie diesen für eine Qualitätszeitung schwierig sei, die „Balance“ zu halten zwischen „journalistischer Ethik“ auf der einen und „publizistischer Glaubwürdigkeit“ auf der anderen Seite. Im ersten Moment dachte ich, dass da irgendetwas passiert sein müsste, denn es würde doch niemand ernsthaft auf die Idee kommen, den Gegensatz zwischen journalistischer Ethik und publizistischer Glaubwürdigkeit zum konstitutiven Problem zu erklären. Landläufig würde man doch annehmen wollen, dass die publizistische Glaubwürdigkeit nicht der Gegenspieler der journalistischen Ethik ist, sondern einer ihrer wesentlichen Bestandteile.

Bei näherem Hinsehen wird freilich klar, dass sich die Redaktion entschlossen hat, den Leserinnen und Lesern einen unverstellten Blick auf die Wahrheit zu gönnen: Unter „journalistischer Ethik“ versteht man in diesem Milieu die jeweils individuelle Ethik der Journalisten, und die gilt es natürlich sehr wohl gegen die Forderungen der publizistischen Glaubwürdigkeit abzuwägen. Es kann in einem solchen Verständnis notwendig werden, die Tatsache, dass es sich beim Täter um einen afghanischen Asylwerber gehandelt hat, unerwähnt zu lassen, um dem eigenen ethischen Wertekanon zu schützen, der zum Beispiel verlangt, dass Asylwerber davor geschützt werden, Teil von stereotypen Zuschreibungen zu werden.

Wer später einmal wissen wollen wird, wie es dazu kommen konnte, dass die professionellen Journalisten am Anfang des 21. Jahrhunderts in einem unfassbaren Tempo ihren letzten Kredit verspielt haben, sollte sich diesen Satz merken: Sie sind mit der Balance zwischen der journalistischen Ethik und der publizistischen Glaubwürdigkeit nicht zurecht gekommen.