Zeichnung: Peter Strasser

Morgengrauen

Der Mensch, der sich nichts mehr gefallen lässt

Gastkommentar / von Peter Strasser / 18.03.2016

Kennt nicht jeder einen Menschen, der sich nichts mehr gefallen lassen will? Auch ich kenne einen. Mir erscheint dieser Mensch, fast schon einer meiner „Lebensmenschen“, regelmäßig in Gestalt einer Nachbarin im Stiegenhaus. Sie führt ihren sich duckenden Hund an der Leine, einen „Mischling“ mit vermutlich einem halben Dutzend Rassen in seinen Genen, die ihn widerstandsfähig gegen die Fährnisse eines Hundelebens gemacht haben.

Und doch: Gegen die ständige Beteuerung seines Frauchens, dass es sich nichts mehr gefallen lasse, ist er machtlos. Ihm bleibt nur, sich zu ducken. Und dabei tut er alles, aber auch wirklich alles, was sie von ihm will. Sagt sie „Sitz!“, sitzt er. Sagt sie „Marsch!“, marschiert er. Sagt sie „Bussi!“ und hält ihm ihr Gesicht hin, gibt er Bussi.

Trotzdem will sie sich nichts mehr gefallen lassen. Ihr Zorn darüber, dass sie sich in ihrem Leben bereits viel zu viel habe gefallen lassen, ist universell geworden; er springt von den Frechheiten, die sie sich nicht mehr gefallen lassen will, auf die frechen Subjekte über, seien es Ex-Ehemänner, Hunde oder Sonstiges, das ihr über den Weg läuft. Ihrem Hund droht sie, dass sie, statt mit ihm, das nächste Mal bloß mit seiner Leine Gassi gehen wird, und mir sagt sie „gleich mitten ins Gesicht hinein“, was sie mir schon immer sagen wollte (und mir schon x-mal gesagt hat): Ich sei auch „so“ einer.

Darüber bin ich übrigens recht froh. Nicht auszudenken, einer zu sein, von dem sie sich noch etwas gefallen lassen wollte.

 

Peter Strasser ist Professor für Rechtsphilosophie in Graz. Wie die meisten von uns steht er jeden Morgen auf. Anders als die meisten von uns schreibt er im und beschreibt er das Morgengrauen. Bücher schreibt er auch. Zum Beispiel: „Was ist Glück? Über das Gefühl lebendig zu sein“ und ganz aktuell „Die Welt als Schöpfung betrachtet. Eine stille Subversion“, beide im Wilhelm Fink Verlag erschienen. Dieser Tage erschien sein aktuelles Buch „Achtung, Achtsamkeit“ im Braumüller Verlag.