ILLUSTRATION: ARIFÉ AKSOY

Von Robotern und Biohackern

Der Mensch ist nicht genug

von Vanessa Sadecky / 26.11.2015

Sehen, riechen und hören, das reicht nicht mehr. Weltweit entwickeln Forscher neue Technologien, um die Sinneswahrnehmung zu steigern. Sogenannte Biohacker lassen sich Computerchips einpflanzen und können so ihre Empfindungen erweitern. Die Entwicklung ist umstritten. NZZ-Redakteurin Vanessa Sadecky über einen Eingriff in die menschliche Evolution. 

Es ist ein angenehmes Kribbeln, das Xeniya Balsara spürt, immer dann, wenn sie nahe am Kühlschrank vorbeigeht. Das Gefühl kommt aus ihrer linken Hand, aus der faltigen Haut zwischen Daumen und Zeigefinger. Es sind elektromagnetische Wellen, die Balsara fühlt. Unter ihrer Haut sitzen zwei hemdknopfgroße Magnetplättchen, die mit dem Kühlschrank durch ihren Körper ein Magnetfeld aufbauen. „Das ist wie ein sechster Sinn“, schwärmt sie.

Xeniya Balsara ist eine Biohackerin. Sie will spüren, was normalen Menschen mit den klassischen fünf Sinnen verborgen bleibt. Sie bastelt an ihrem Körper herum, um ihre Wahrnehmung zu erweitern. Biohacker begreifen den Körper als Maschine, den man aufrüsten kann wie einen Computer, auf dem man ein Antivirenprogramm installiert.

Die Magnete hat sich die stets in Schwarz gekleidete Finnin in einem Piercing-Studio einsetzen lassen. Jetzt sitzt sie auf einer Bühne am Biohacker-Kongress in Helsinki. Es ist Mitte September. Gleichgesinnte aus aller Welt treffen sich hier, um neue Technologien zu sehen, mit denen sie sich optimieren und ihr Leben effizienter gestalten können. Balsara lässt sich nun vor Publikum einen Computerchip in ihre Hand implantieren.

Er soll ihr als WLAN-Zugangspunkt dienen. Das ist aber nur eine von unzähligen Möglichkeiten von implantierten Chips. Die Biohacker-Gemeinde nutzt die kleinen Plättchen auch, um sich in Computer einzuloggen, Haustüren zu öffnen oder Motorräder anspringen zu lassen.

Das ÖV-Abo im Finger

Xeniya Balsara bezeichnet sich selbst als Cyborg, als einen Robotermenschen. Ihre Transformation ist noch nicht abgeschlossen: Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Dingen, mit denen ich meinen Körper aufrüsten kann. „Ich denke schon über einen weiteren Chip im Finger nach, auf den ich mein ÖV-Abo laden kann, damit ich es nicht wie bisher immer verliere.“ Vorstellen könnte die 34-Jährige sich auch, dass sie sich noch einen stärkeren Magneten in den Körper einsetzen ließe und dann lernt, wie ein Vogel die Himmelsrichtungen zu orten.

Einem Roboter à la Terminator ähnelt Balsara äußerlich so sehr wie ein Zahnstocher einem Laser-Schwert: Ihre Magnete und ihren Chip kann niemand sehen. Auffällig ist nur ihr orange leuchtendes Haar. Und das Tattoo auf ihrem Unterarm: „Alien“ ist in dicken schwarzen Lettern auf der Haut zu lesen.

„Die Figuren aus der Science-Fiction-Literatur faszinieren mich seit meiner Kindheit“ , sagt sie mit leiser Stimme.

„Sie haben mir auch in schweren Zeiten Halt gegeben, als ich mich selbst als Außerirdische fühlte.“

Ihre Neigung spiegelt sich auch in ihrer Arbeit als Fotografin wider. Sie inszeniert ihre Models gerne als Zombies. In ihrem Portfolio findet sich auch ein Mann, der mit Fleischerhaken im Rücken über einem See schwebt.

Um ein Biohacker zu werden, muss man sich nicht zwingend Technik unter die Haut implantieren lassen. Die Erweiterung der Sinne ist schmerzfrei und für wenig Geld in Form von sogenannten „Wearables“ zu haben. Das sind Armbänder, digitale Uhren und Kleidungsstücke, die Körperfunktionen wie den Herzschlag oder die Atmung messen und so Rückschlüsse über den Schlafrhythmus oder Kalorienverbrauch zulassen. Die Gesellschaft für Konsumforschung schätzt, dass allein 2014 in der Schweiz 300 000 Stück dieser Geräte verkauft wurden. Weltweit gehen die Marktforscher davon aus, dass bis Ende Jahr rund 51 Millionen der Messinstrumente vertrieben werden, dreimal so viele wie 2014. Von dieser Entwicklung will Niina Venho profitieren. Sie ist die Geschäftsführerin der Startup-Firma Moodmetric und hat einen Fingerring entwickelt, der mit der Technik eines Lügendetektors Stress misst. Stress zeigt sich in der sogenannten elektrodermalen Aktivität – der Änderung des Hautwiderstands durch Handschweiss. Der Ring misst dies auf seiner Innenseite mit Sensoren. Das Schmuckstück ist quasi ein neues Sinnesorgan zum Überstreifen.

Am Messestand reicht Venho das kleine Stück Interessierten herum. „Der Ring hilft, seine emotionale Intelligenz zu trainieren“ , sagt sie. „Man kann den Ring zum Beispiel eine Woche lang tragen und sich dann die Daten ansehen und die sich wiederholenden Stresssituationen identifizieren. Stellen Sie sich vor, nur einer von zehn Menschen kann seine Gefühle richtig einordnen.“ Dem Stress-Ring sieht man das digitale Innenleben nicht an. Er ist golden, mit einem weissen Quarz in der Mitte. Mit der zugehörigen App kann man seinen Gemütszustand live auf dem Smartphone oder dem Tablet verfolgen. Ein Gedanke an die ehemalige Mathematiklehrerin reicht, und die Kurve auf dem iPad von Moodmetric schiesst steil nach oben. Die Erinnerung an das warme Hotelbett lässt sie wieder abflachen. Die Firma Moodmetric möchte damit unausgeglichene Städter ansprechen. Sie sollen zu mehr Achtsamkeit gegenüber sich selbst finden. Aber nicht mehr wie früher in der Stille eines Bergklosters, sondern mithilfe von Technik.

Mit der Zunge sehen

Die technische Aufrüstung des menschlichen Körpers ist eine Entwicklung, die nicht mehr umkehrbar ist. Doch nicht jede löst derartiges Unbehagen aus wie die Implantation von Computerchips. Viele Technologien, die darauf abzielen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen oder Krankheiten zu helfen, scheinen gesellschaftlich breit akzeptiert. Wer denkt noch darüber nach, ob ein Herzschrittmacher aus moralischen Gründen nicht abzulehnen ist, wenn er doch Leben rettet? An der ETH Lausanne wird im Bereich der Bionik – dem Übertragen von Abläufen aus der Natur auf die Technik – besonders ausführlich geforscht. Das Team rund um den Biomedizin-Ingenieur Silvestro Micera hat die erste künstliche Hand entwickelt, die fühlen kann, also die Form von Gegenständen ertasten, und an das Hirn übermitteln. Sie wurde 2013 chirurgisch an die Nerven des Oberarms eines Probanden angeschlossen, der seine Hand durch einen Unfall verloren hatte.

Eine andere zukunftsweisende Technologie für körperlich Behinderte wurde gerade von der amerikanischen Gesundheitsbehörde genehmigt. Sie heisst Brainport V100. Der Apparat ermöglicht es Blinden, mit ihrer Zunge zu sehen. Die Technologie ist so gut, dass Skifahren und Klettern möglich wird. Dabei filmt eine Kamera in einer Brille live, was vor der Person passiert. Ein Computer wandelt die Bilder in elektrische Impulse um und überträgt sie auf ein Plättchen, das der Blinde im Mund hat. Die übermittelte Bildinformation erspürt der Blinde mit der Zunge, so wie er Brailleschrift mit den Fingern ertastet.

Ein besonderes Interesse an der technischen und medizinischen Aufrüstung der Sinnesorgane hat das Militär. Es will das „Human Enhancement “– „die Erweiterung des Menschen“, wie dieser Prozess auch genannt wird, dafür nutzen, gesunde Soldaten so leistungsfähig wie möglich zu machen. Geforscht wird beispielsweise an Kontaktlinsen, die zoomen können. Die Linsen wurden an der Universität San Diego in Zusammenarbeit mit dem welschen Forscher Eric Tremblay entwickelt. Objekte in der Ferne lassen sich damit fast dreimal größer betrachten. Um die Zoom-Linse zu benutzen, muss man zurzeit allerdings noch eine spezielle Brille verwenden, die das Umschalten von der normalen zur Zoom- Ansicht ermöglicht.

Noch weiter gehen die Ideen des „Human Brain Project“

Die EU finanziert dieses Forschungsprojekt unter der Führung der ETH Lausanne mit über einer Milliarde Euro. Die Wissenschafter wollen ein digitales Gehirn erschaffen. In ihrer Vorstellung sollen mit den Erkenntnissen aus dem Projekt psychische Leiden oder Demenzkranke geheilt werden, indem man Hirnareale mit künstlichen Implantaten ersetzt oder erweitert.

Bis es so weit sein könnte, ist es noch ein langer Weg. Heute versucht man das Gehirn mit sanfteren Methoden instand zu halten. In den USA läuft ein Projekt, das Demenz- und Alzheimerpatienten über den Gehörsinn Linderung verschaffen möchte. In ausgewählten Altersheimen werden dafür MP3-Player eingesetzt – Patienten bekommen ein eigenes Gerät, auf dem sie ihre Lieblingsmusik hören dürfen. Die vertrauten Klänge, die die Senioren vielleicht seit Jahrzehnten nicht mehr gehört haben, befreien sie aus ihrem Dämmerzustand: Plötzlich werden ihre Augen wach, sie singen und tanzen und beginnen angeregt zu erzählen. Zu sehen ist das im anrührenden Dokumentarfilm „Alive Inside“.

Sinne bis zur Perfektion trainieren

Auf der Bühne des Biohacker-Kongress in Helsinki ist es nun Zeit für den Auftritt von Ben Greenfield. Hochgewachsen und mit gegeltem Stachelhaar predigt er, den Gebrauch von Technik auf ein Minimum zu beschränken: „Wir wissen noch nicht einmal genug über die Strahlung, die von all den Geräten um uns herum ausgeht. Wieso sollten wir sie dann jetzt schon permanent in unseren Körper einbauen?“, blafft er in seinem kalifornischen Akzent. Der Mann mit dem Brotlaib-Bizeps, ein groteskes Überbleibsel aus seinen Tagen als Bodybuilder, ist in seinem Heimatland ein gefeierter Fitness-Guru.„ Ich glaube, die Gesellschaft der Zukunft wird sich in zwei Gruppen spalten. Die Natur-Enthusiasten wie mich, die invasive Technik wenig bis gar nicht nutzen wollen, und die Cyborgs, die mit ihr verschmelzen“, sagt Greenfield.

Tatsächlich stellt sich die Frage, ob wir zwangsläufig Technik oder medizinische Eingriffe benötigen, um unsere Sinne zu Höchstleistungen anzutreiben. Die Antwort ist Nein: Mit der Nase kann man lernen, mehr Düfte zu identifizieren, und Augen, die lange der Dunkelheit ausgesetzt sind, können mit der Zeit in der Nacht besser sehen. Auch der Tastsinn lässt sich aus eigener Kraft sensibilisieren, so weit, dass sich neue erogene Zonen antrainieren lassen.

Die Zürcher Sexualtherapeutin Sylvia Milewski ist Expertin auf diesem Gebiet. Sie behandelt Patienten, die aufgrund von Lähmungen im Genitalbereich kein sexuelles Empfinden mehr haben. „Grundsätzlich ist es so, dass es bei Paraplegikern zu einer Zunahme der Empfindungsintensität im nicht gelähmten Bereich kommt“, sagt sie. Aber auch bei gesunden Menschen kann jede Körperstelle zu einer erogenen Zone werden. So können Berührungen oberhalb der Gürtellinie, in Kombination mit erregenden Erinnerungen, Düften oder Musik zu einem „Paraorgasmus“ führen, einer Art emotionalem Orgasmus.

Das Verlangen, seine Wahrnehmung zu erweitern, ist tief in der menschlichen Natur verwurzelt. Es ist ein universelles Phänomen. Bis heute sind keine Völker bekannt, die nicht versucht haben, sich auf irgendeine Weise zu berauschen und damit ihre Wahrnehmung zu verstärken oder auszuweiten. Sogar die Inuit in der Arktis, die keinerlei Pflanzen und damit berauschende Substanzen zur Verfügung hatten, fanden einen Weg. Sie versuchten mittels Schlafentzug und Fasten Halluzination auszulösen. Der Psychopharmakologe Ronald K. Siegel klassifiziert das Rauschbedürfnis als „vierten Trieb“ , der nach dem Verlangen nach Nahrung, Schlaf und Sex gedeckt wird. Erstaunlicherweise spüren selbst Tiere dieses Bedürfnis. Es ist wie beim Menschen komplex und geht über einen Reflex hinaus.

Der Mensch als Schöpfer

Die rein biochemische Sinneserweiterung geht einigen Menschen zu wenig weit. Transhumanisten wollen nicht nur Lebensbedingungen verbessern und Körper optimieren, sondern den Fortschritt nutzen, um den Menschen mit allen verfügbaren Mitteln der Technik und Medizin zu optimieren. Sie streben nach der Weiterentwicklung des Humanismus, der das Beste aus der menschlichen Natur machen will. Der Transhumanismus will nichts weniger, als die menschliche Evolution selbst in die Hand zu nehmen. Das größte Ziel der globalen Bewegung ist das Erreichen der Unsterblichkeit und damit das Schaffen einer neuen Spezies Mensch.

Der israelische Historiker und Erfolgsautor Yuval Harari ist davon überzeugt, dass die Verschmelzung von Mensch und Maschine „die grösste Evolution der Biologie“ darstellen wird. In seinem neuen Buch schreibt er: „Die Geschichte der Menschen begann mit der Erfindung von Göttern. Sie wird enden, wenn die Menschen zu Göttern werden.“

Damit meint er nicht, dass sich die Menschheit auslöschen wird, sondern dass sie sich zu etwas vom heutigen Standpunkt aus Unfassbarem verwandelt.

Der Mensch als Schöpfer. Das ist Blasphemie. Eine Sünde und Urangst, die nicht nur im Christentum verurteilt wird. Legenden und Geschichten warnen davor, was passiert, wenn der Mensch über seine Existenz hinauswachsen will. Von Menschenhand geschaffene Monster wie Frankenstein und die Saurier im Film Jurassic Park wollen ihre Schöpfer töten. Ikarus stirbt, weil er mit seinen selbstgebastelten Flügeln der Sonne und damit dem Göttlichen zu nahe kommt.

Im Transhumanismus wird selbst die Auferstehung von den Toten vorangetrieben: Max More ist Vorsitzender der Alcor Foundation. Seine Patienten, wie er seine Kunden nennt, bezahlen dafür, nach ihrem Ableben in flüssigem Stickstoff eingefroren zu werden. In den Stahltanks in einem Gebäude in der Wüste Arizonas lagern mittlerweile über hundert menschliche Körper.

„Ich werde nach meinem Tod mein Gehirn einfrieren“, sagt Max More nach seinem Auftritt am Biohacker-Kongress. In der transhumanistischen Vision wird das Bewusstsein am Tag X wiederbelebt und einem Roboter oder Computer übertragen. Das Ich wird zur Software, losgelöst von der Hardware, dem sterblichen Körper. Klassische Sinne hat der Homo sapiens 2.0 nicht mehr, braucht er aber auch nicht. Die Technik soll sie ersetzen.

Die gefährlichste Idee der Welt

Das alles klingt nach einer abgedrehten Allmachtsphantasie verrückter Wissenschafter. Doch die internationale Anhängerschaft wächst stetig. Vordenker wie der Philosoph Nick Bostrom, der an der Universität von Oxford lehrt, gehören ihr an. Der berühmteste Transhumanist ist Ray Kurzweil, Chef-Ingenieur bei Google. Kurzweil glaubt, dass die menschliche Unsterblichkeit bereits in 20 bis 30 Jahren eintreten wird. Er begründet dies mit der Beschleunigung des technischen Fortschritts. Für Kurzweil könnte es aber trotzdem knapp werden: Er ist 67, viel Zeit bleibt ihm nicht, dem biologischen Verfall entgegenzuwirken. Um sich jung zu halten, schluckt er täglich 100 Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente. Er behauptet, damit 25 Jahre an Lebenszeit gewonnen zu haben.

Die extremen Standpunkte der Transhumanisten stoßen auf Widerstand. Der Politikwissenschafter Francis Fukuyama bezeichnet den Transhumanismus als „die gefährlichste Idee der Welt“.

Wenn es keine grundlegenden Gemeinsamkeiten mehr zwischen den Menschen gebe, könne die Gesellschaft nicht mehr funktionieren.

Es ist Mittagszeit am Biohacker-Kongress. In der dämmrig beleuchteten Kongresshalle wird Flüssignahrung serviert. Ambronite heisst der Drink den Helfer nun in Plastikflaschen verteilen. Die grüne Färbung der Verpackung kann nicht über das wahre Aussehen der Trinkmahlzeit hinwegtäuschen. Sie hat die Farbe von Schlamm. So schmeckt sie auch.

Ambronite ist die europäische Antwort auf Soylent, Trinknahrung aus dem Silicon Valley. Erfinder Rob Rhinehart preist seinen Drink als vollwertigen Nahrungsersatz an, der festes Essen komplett überflüssig macht. Seine Kunden sind Workaholics, die keine Zeit mit Kauen und vielen Gedanken ans Essen verschwenden wollen.

Der Genuss rückt in den Hintergrund und damit auch der Geschmackssinn. Tränke die Menschheit in Zukunft nur noch solche Flüssignahrung würden unsere Geschmacksnerven verkümmern. Das wäre ganz im Sinne der Transhumanisten. Wo keine natürlichen Sinnesorgane mehr sind, ist auch kein Sinnesreiz mehr nötig. Keine Berührung, kein Geruch, kein Geschmack. Noch ist es nicht so weit.